Kiezkantinen für Berlin: Das Social-Gastronomy-Projekt von Die Linke

20 öffentliche Restaurants sind in der ersten Phase geplant

von Jan-Peter Wulf

ChatGPT Image 18. Feb. 2026 16 27 04 - konzepte, food-nomyblog, catering Kiezkantinen für Berlin: Das Social-Gastronomy-Projekt von Die Linke

Spannendes Projekt: Das von der Berliner Linken vorgestellte Konzept der „Kiezkantinen“ zielt darauf ab, steigenden Lebensmittelpreisen und der sozialen Isolation in der Stadt entgegenzuwirken – mit öffentlichen Restaurants und erschwinglichem Essen.  

Kürzlich haben wir die Idee der Social Gastronomy vorgestellt sowie darüber berichtet, wie „public plates“ zu einer besseren Esskultur für alle beitragen können. Jetzt hat die Berliner Linke ein in diese Richtung gehendes Projekt angestoßen: Kiezkantinen. Vor dem Hintergrund immer weiter steigender Preise für Lebensmittel, hoher  Mieten, aber auch sozialer Isolation in der Großstadt sollen sie ein Ort der Erschwinglichkeit und der Teilhabe sein. 

„Jeden Tag werden dort frisch zubereitete Gerichte angeboten, von denen das günstigste immer nur drei Euro kostet. (…) Denn die Kiezkantinen sollen öffentliche Treffpunkte für alle Berliner*innen sein“, steht auf der Projektseite. Zum Vorbild nimmt man sich die polnischen Milchbars und die Pariser Bouillons, die erschwingliche Speisen für die ganze Gesellschaft anbieten. Öffentliche Restaurants dieser Art sollen auch in Schottland umgesetzt werden. Und in Berlin bieten verschiedene Restaurants, Cafés oder Initiativen Küfas (Küche für alle) an.  

20 Kiezkantinen zum Start

Das Kernversprechen des Konzepts ist der „3-Euro-Teller“. In jeder Kiezkantine soll täglich mindestens ein vollwertiges, frisch zubereitetes Hauptgericht zu diesem Festpreis angeboten werden, sodass sich Menschen mit wenig Geld ein gutes Essen außer Haus wieder leisten können. Geplant ist, in jedem der zwölf Berliner Bezirke mindestens eine Kiezkantine zu etablieren, wobei insgesamt zunächst 20 Standorte angestrebt werden. Der Fokus der Planung liegt auf den 24 Berliner Großsiedlungen. In diesen Gebieten ist die Armutsgefährdung oft überdurchschnittlich hoch, während die soziale Infrastruktur – wie Cafés oder preiswerte Gastronomie – häufig ausgedünnt ist. 

Per Drei-Stufen-Plan zur Umsetzung

Die Realisierung ist als dynamischer Prozess über einen Zeitraum von vier Jahren angelegt. Im ersten Schritt werden bestehende soziale Einrichtungen und Kantinen finanziell gefördert, damit sie ihre Preise sofort auf das 3-Euro-Niveau senken und ihre Angebote für die gesamte Nachbarschaft öffnen können. Dabei setzt man auch auf die Revitalisierung bestehender Flächen, etwa durch Reaktivierung nicht mehr genutzter Kantinen/Räume in Rathäusern oder Verwaltungsgebäuden, Nutzung von Räumlichkeiten in Nachbarschaftszentren und Seniorenbegegnungsstätten sowie Umnutzung von leerstehenden Gewerbeimmobilien in den Quartieren.

Im zweiten Schritt sollen durch öffentliche Ausschreibungen bis zu 15 neue Kantinenstandorte geschaffen werden. Hierbei können gemeinnützige Träger, Genossenschaften oder lokale Gastronomen als Partner gewonnen werden, sofern sie sich an die Preisbindung und Qualitätsstandards halten.

Als Stufe drei plant man die Gründung eines landeseigenen Betriebs. Dieser soll den zentralen Einkauf (bevorzugt regional und ökologisch) organisieren, einheitliche Qualitätsstandards garantieren und faire, tarifgebundene Arbeitsplätze im Gastgewerbe schaffen.

Das Projekt ist mit einem jährlichen Budget von 19 Millionen Euro kalkuliert. Diese Mittel sollen sowohl den Aufbau der Standorte als auch die laufenden Subventionen für die Mahlzeiten decken. Schon im zweiten Jahr nach dem Start des Programms sollen täglich rund 14.000 Mahlzeiten stadtweit ausgegeben werden. Damit würde das Land Berlin eine aktive Rolle einnehmen, um soziale Härten abzufedern.

Unsere vorläufige Einschätzung 

Kiezkantine klingt nicht nur ambitioniert, sondern ist auch schon recht weit durchgeplant – vom Tellerpreis bis zum Gesamtbudget. In eine Relation gesetzt, würde es mit 19 Millionen Euro im Jahr etwa so viel Geld kosten wie 38 Meter des soeben freigegebenen neuen Teils der A100 gekostet haben. Oder anders gesagt: im Verhältnis für die Vielzahl von Mahlzeiten und auch neu geschaffenen Arbeitsplätze erstaunlich wenig.

Das Projekt kommt genau zur richtigen Zeit: Die allgemeine Teuerung lässt für viele Menschen einen Besuch in der Gastronomie immer unerschwinglicher werden – und ebenso den Kauf guter Lebensmittel. Soziale Isolation und immer geringer werdende Kenntnisse in der Auswahl werthaltiger Produkte und der Zubereitung gesunder Speisen kommen hinzu. Es könnten neue „dritte Orte“ entstehen, an denen gemeinsam gegessen und sich ausgetauscht wird, öffentliche Räume mit Speisenangebot, aber – so entnehmen wir es dem Projekt – ohne Konsumzwang.  

Es tun sich freilich Fragen auf. Zum Beispiel, wie man eine klare Abgrenzung zur klassischen Gastronomie schaffen will, um diese, ohnehin schon im Dauerkrisen-Modus, nicht zu schädigen. Harsche Kritik von den Branchenverbänden wird wohl nicht ausbleiben. Räumlich will man diese Abgrenzung wie beschrieben vollziehen, indem das Projekt dort starten soll, wo es kein vergleichbares Angebot gibt. Ob das reicht? Zumal dann, wenn es langfristig eine Struktur geben soll, die alle Menschen der Stadt erreicht? Hier ist ein frühzeitiger Dialog mit den Akteur*innen im Außer-Haus-Markt ratsam.

Dass in der Beschaffung „regionale und ökologisch wirtschaftende Erzeuger mit gerechten Arbeitsbedingungen ausdrücklich bevorzugt werden“ sollen, ist begrüßenswert, hinsichtlich der höheren Preise für Erzeugung, Logistik und Co. aber sicherlich eine hart zu knackende Nuss. Es wird nur funktionieren, wenn von Anfang an eine entsprechende Strategie – Anbauplanung, Abnahmemengen, zugesicherte Preise im Rahmen dieser öffentlichen Beschaffung etc. – aufgebaut und das Projekt in die lokale Ernährungsstrategie eingebunden wird. 

Wir werden das Projekt beobachten – und damit es überhaupt Realität werden kann, muss erst einmal der Urnengang am 20. September entsprechende Grundlagen zeitigen.  

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