
Herzhafter Starter im Saint Farah: Vegane Pilzpâté und im Pizzaofen gebackene Pita-Stange. Fotos: Redaktion
Zusammen mit seinem Cousin Gil Azrielant hat der seit 2019 in Berlin lebende Koch Nadav Kundel ein Restaurant eröffnet. Es ist eine Hommage an die gemeinsame Großmutter – und passt mit unkomplizierter, guter Küche und entspannter Stimmung gut in den Zeitgeist.
Ich finde es immer spannend, wenn ich Menschen aus der Gastronomie, die ich aus ihren Tätigkeiten in Anstellung kenne, also Bartender*innen, Köch*innen oder Serviceprofis, das erste Mal als Unternehmer*innen begegne, weil sie sich selbständig gemacht haben. Was ja in der Gastronomie nichts Ungewöhnliches ist, im Gegenteil, aber: Es ist ein Schritt. Und kein kleiner. Und in Zeiten wie diesen …
Mit diesem Vorgefühl komme ich ins im Oktober 2025 eröffnete Saint Farah auf dem Weinbergsweg. Es ist Mittwochabend Anfang Januar, das große Vorzelt des Restaurants ist leer (es ist aber auch saukalt in Berlin) und ich nehme von draußen wenig Leben wahr. So hatte ich es auch erwartet, Anfang Januar, Mittwochabend. Tür auf, das Leben geht los. Praktisch alle Tische sind belegt, die Gäste essen, trinken und unterhalten sich, als wären sie schon immer da. Später werden auch die Plätze neben mir am Tresen, wo ich sitze, belegt sein, und im Eingang Walk-ins literally reinschneien, um zu warten, bis was frei wird.
Busy, busy
„Wir sind ganz leise gestartet“, berichtet Nadav Kundel. „Wir dachten, dass wir es langsam steigern könnten, aber wir wurden schnell richtig busy. Was natürlich eine gute Sache ist“, fügt er lächelnd hinzu. Ihn bzw. seine Küche kenne ich aus dem Levante-Restaurant „Night Kitchen“ und aus dem Papillon, einem poshen Club-Restaurant-Konzept am Bahnhof Zoo. Jetzt also hat er sein eigenes Restaurant, das „Saint Farah“ eröffnete der Koch zusammen mit seinem Cousin, dem Unternehmer Gil Azrielant. Beide leben seit einigen Jahren in Berlin, als Kinder in Tel Aviv trafen sie sich regelmäßig bei ihrer Großmutter, Farah Hajama, die im Irak geboren wurde und mit 16 Jahren nach Tel Aviv kam.
Farah heißt wörtlich übersetzt Freude, Glück, Fröhlichkeit – und Kundel zufolge könnte es keinen besseren Namen für seine Oma geben, die für ihre mittlerweile fünf Kinder, dreizehn Enkelkinder und zehn Urenkelkinder immer ein großes Herz hat – und bis heute, sie ist Mitte Neunzig, kocht. Ihr Portrait , das man ins Restaurant gestellt hat, habe ihr überhaupt nicht gefallen, berichtet er. Es sehe so aus, als sei sie schon tot, soll sie sich beschwert haben. „She is alive an kicking“, schmunzelt Kundel.

Betreiber und Küchenchef Nadav Kundel

Gelbschwanzmakrelen-Crudo

Lamm in Mangold, dazu Rote-Bete-Ketchup
Auch das Restaurant strahlt eine große Vitalität aus. Es hat diese Atmosphäre auf dem Sweetspot aus Betriebsamkeit und Entspanntheit, die man haben will. Ständig werden vom Pass kleine Teller mit Speisen rausgeschickt, die in der offenen, schmalen Küche zubereitet werden. Das entspannte Serviceteam trägt sie nach und nach an die Tische, ebenso Cocktails von der Barstation oder Weingläser. Schwer fällt es nicht, sich vorzustellen, man sei auf einem privaten Event, oder gar einer großen Familienfeier, so – scheinbar – beiläufig das passiert, während die Gäste vor allem sich selbst zu genießen scheinen. Exakt diese Stimmung habe man erzeugen wollen, eine sehr persönliche, gemeinschaftliche, erklärt Kundel: „Es ist ein Ort wie solche, in denen ich selbst gerne essen gehe.“ Speisen, Drinks und Service sollen sehr gut sein, aber nichts überlagern – sodass man fast vergisst, in einem Restaurant zu sein, so der Betreiber.
Hier wird noch analog gekocht
Vergessen darf, würde ich sagen. Denn wer möchte, kann natürlich genauso interessiert zuschauen wie wir, wie hier gearbeitet wird. Da kommen Pitabrot und Gemüse aus dem Pizzaofen, den man vom Vorgänger übernommen und – ähnlich wie im „Ita Bistro“ im Prenzlauer Berg – nutzt, um darin alles Mögliche zu machen, nur keine Pizzen. Kleine Spieße mit Fleisch grillen auf dem Rost vor sich hin, es wird in kleinen Töpfen auf lodernden Flammen gekocht, alles sehr klassisch und analog. Dampfende Miesmuscheln werden auf einen Teller gegeben, zubereitet mit Reiswein, Chili-Crisp und Speck als herzhafte Surf-and-Turf-Variation.
Vor diesen genießen wir vom Chef Ausgewähltes aus der Karte, zuerst Gurke mit Miso-Caesar-Dressing, ebenfalls Chili-Crisps und einer großen Ladung Parmesan darüber. Außerdem herzhaften gegrillten Mangold mit Lamm und Rote-Bete-Ketchup, ein Merguezragout mit geschmorten Zwiebeln und Topinambur-Püree sowie Crudo von der Gelbschwanzmakrele mit einem Relish aus Gurke und Sellerie sowie Mojo Verde, für den man Abschnitte des Mangolds nutzt. Es gibt verschiedene gezapfte, naturnah ausgebaute Weine und als Drink probieren wir den sehr ordentlichen „Smoky Rosa“ mit Mezcal, Lillet Rosé, Rosmarin und Amarenakirsch-Sirup, mit Tonic aufgefüllt.

Muscheln mit Speck

„Smoky Rosa“: Mezcal, Lillet Rosé, Rosmarin und Amarenakirsch-Sirup, mit Tonic aufgefüllt

Kokos-Panna-Cotta mit in Rotwein pochierter Birne und Kürbiskernen
Kleine Teller zum Teilen sind zurzeit ja en vogue, und es sieht nicht so aus, als ändere sich das bald. Doch was bedeutet das eigentlich operativ – mit so einer überschaubaren Küche? Es sei einfacher, weil flexibler, erklärt uns Kundel. Man könne etwas schicken, wenn es fertig ist und müsse nicht unbedingt auf andere Gerichte warten. Wenngleich, vernehmen wir von seinen Anweisungen ans Team, man schon so arbeitet, dass Speisen möglichst immer in einer Gruppe an einen Tisch gehen und dafür bestimmte Arbeitsschritte oder Gerichte auch einmal vorgezogen werden. Diese Flexibilität wird wohl noch wichtiger werden, wenn im Frühjahr auch die Terrasse öffnet und die Kapazität womöglich weiter erhöht wird.
Trust The Saints
Mit der hauseigenen Omakase-Version „Trust The Saints“ für aktuell 65 Euro pro Person überlässt man der Küche, welche Speisen aus den Rubriken Mezze, Land (Fleisch), Sea, Vegetables und Oven man serviert bekommt. „Damit können wir am besten zeigen, was wir machen“, so Kundel. Und als Gast fühlt man sich dann vielleicht noch ein bisschen mehr so, als sitze man bei Oma Farah am Küchentisch.
