
Play Date Berlin in der Markthalle Neun. Foto: Irnis Kubat
Die Gastronomie kann mehr Frequenz vertragen, viele Menschen suchen nach „analoger“ Begegnung, Gemeinschaft und Erlebnis. Konzepte, die über Speisen und Getränke hinaus Anlässe zum Besuch anbieten, können hier punkten. Zeit für eine Bestandsaufnahme.
Ein Montagabend in der Berliner „Markthalle Neun“, Geburtsstätte der deutschen Streetfood-Bewegung und bis heute beliebter Ort für Esskultur. Statt Essensständen stehen an diesem Abend mehrere Tischtennisplatten in der Halle, es werden Doppelpartien gespielt, während im Sitzbereich mitgebrachte Brett- oder Kartenspiele ausgepackt werden, vom simplen Uno bis zum komplexen Go. Play Date Berlin heißt das Eventformat, das Ende 2024 von den beiden Unternehmern und Gründern Kian Pariwar und Waldemar Zeiler (Letzterer Co-Founder von Einhorn Kondome) ins Leben gerufen wurde.
„In real life“-Begegnungen sind im Trend
„Es war eine Juxidee, aber schon beim ersten Mal kamen 400 Leute“, berichtet Zeiler. Seitdem findet das Event einmal im Monat statt und bringt Gruppen in die Markthalle, aber auch Fremde zusammen: Pariwar berichtet von einer älteren Dame, die einem Inder das Rummikub-Spielen beibrachte. „Die saßen zwei Stunden später immer noch am Tisch und haben gespielt“, erinnert er sich. „Es ist ein niedrigschwelliges Zusammenkommen“, so Zeiler.
Und ein Kontrapunkt zu KI und Digitalisierung – IRL, „in real life“: Wegen des digitalen Überangebots wollen sich die Menschen heute umso mehr wieder live begegnen. Und weil es in den Städten immer weniger „dritte Orte“ und immer mehr Einsamkeit gebe, müsse man gezielt Anlässe schaffen, führt er aus. Das Duo macht daraus jetzt ein Business: „Ding Dong Ping Pong“. Leerstehende Geschäftsräume werden zu Tischtennishallen, die rund um die Uhr gebucht werden können. Im Prenzlauer Berg gibt es schon einen.
„Entertainment überredet zum Besuch“
Stichwort „dritter Ort“: Die Gastronomie ist bekanntlich ja einer – der allerdings gerade schwächelt, was Besuchs- und Umsatzzahlen angeht. Kann sie also von unterhaltsamen, spielerischen Formaten profitieren? Ben Pommer von Brlo in Berlin sagt ja: „Du musst heute sogar ins Angebot investieren, damit die Leute zu dir kommen. Nur damit, dass du da bist, machst du – in unserem Segment jedenfalls – nicht genug Umsatz.“ Pub-Quizzes in englischer Sprache im „Brlo Brwhouse“, Shuffleboards in seinen Betrieben „Kaschk“ und „Brlo Charlottenburg“ (lange, schmale Holztische, auf denen die Spieler Pucks mit den Fingern in bestimmte Zonen schieben oder schnippen), ebenso Livemusik, Sportübertragungen und natürlich Brauereitouren.

Fast olympisch: Curling im Brlo
All dies zahlt laut Pommer darauf ein, um die Besuchshäufigkeit bzw. Wiederbesuchsrate zu erhöhen, die nach dem kurzen Post-Pandemie-Hype in den letzten Jahren zurückgegangen sei. „Mit Entertainment überredet man die Gäste quasi zum Besuch“, erklärt er. Wichtig in dem Zusammenhang seien Regelmäßigkeit, um über die Zeit eine Stammkundschaft für das Unterhaltungsangebot aufzubauen, und der Kontakt zu Communitys – zum Beispiel durch Zusammenarbeit mit Veranstaltern von Shuffleboard-Turnieren und das Einladen von Influencern und Opinion Leadern im spezifischen Entertainmentbereich. Jetzt im Winter schafft das kultige Eisstockschießen auf zwei Bahnen vor dem Brwhouse zusätzliche Besuchsanlässe – wenngleich es sich nicht um Eis handelt, sondern um eine glatte Kunststofffläche, auf der die Eisstöcke ins Ziel gleiten.
„Man muss einen Mehrwert bieten“
Die Ansicht, dass ein ansprechendes Food- und Getränkeangebot und attraktives Ambiente allein nicht mehr genügen, teilt Antonio Bruccoleri: „Man muss einen Mehrwert bieten, das wünschen sich die Gäste immer mehr.“ Er ist wie Ben Pommer gelernter Koch und war unter anderem General Manager im ehemaligen „Ginyuu“ in Bonn und zuletzt Geschäftsführer der Eventlocation „The Loft“ in Berlin. Ende 2024 hat er zusammen mit Thomas Boerman das Electric Social am Berliner Alexanderplatz eröffnet, ein Hybrid aus Gastronomie mit trendigem Comfort-Food (u.a. einem Burger im Donutbrötchen, Meatballs in Marinara-Sauce und der „Electric Currwurst“ mit Mangosauce), Drink-Angebot und einer großen Auswahl an Arcade-Spielen von retro bis modern. Auch gibt es Gruppenspiele wie Tech Darts, „Giant Pac Man“ auf einer fünf Meter großen Leinwand, Fußball-Billard, Beerpong, ebenso Pub-Quizzes mit Moderation und vieles mehr.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Frequentiert wird „Electric Social“ vermehrt von Gruppen vom Junggesell*innen-Abschied über Touristengruppen bis hin zu Kindergeburtstagen. Im zweiten Bestehensjahr will man verstärkt Berliner Communitys ansprechen: Gamer natürlich, die hier ihre Lieblingsspiele gemeinsam zocken können, aber auch Gründertreffen mit einer Kombination aus Speeddating und Battle an den Spielgeräten. Es gebe in der Stadt viele Communitys, die ein Interesse teilen und nach einem Ort suchen, an dem sie dieses (er)leben können, erklärt Bruccoleri. Beides müsse hochwertig sein, sowohl das F&B-Angebot (kein „Bowlingbahnessen“) als auch das Unterhaltungsprogramm – hier orientiert man sich an modernen Gastro-Entertainment-Konzepten wie Gravity Max oder dem Flight Club aus Großbritannien.
In Anlässen statt in Zielgruppen denken
Auch Tim Plasse von F&B Heroes aus Frankfurt, der das „Le big TamTam“ in Hamburg übernommen hat (wir berichteten) und es nun als TamTam weiterführt, will mit Entertainment-Angeboten über das Food hinaus Gäste ins Hanseviertel locken – von einfachen Spielen wie Cornhole über Darts und Brettspiele bis zu interaktiven digitalen Games. Auch er blickt dabei nach Großbritannien.
Plasse inspirieren Konzepte wie den Londoner Boardgame-Gastropub Draughts mit großer Spielesammlung oder Urban Playground aus Manchester. Letzteres kombiniert Indoor-Minigolf, das Gruppenspiel „The Cube“ und gastronomisches Angebot von Burgern bis zu Cocktails. „Wir müssen in der Gastronomie weniger in Zielgruppen und mehr in Anlässen denken“, findet Plasse. Bei Anlässen wie Geburtstagen, Gruppenausflügen, Teambuildings oder Treffen mit Freunden: Das Erlebnisversprechen motiviert zum Ausgehen. Gegessen und getrunken wird nebenbei – aber genussvoll und mit Qualität.
Der Platzfaktor
Funktioniert Entertainment auch in einer Cocktailbar? Peter Kirpitschnikow hat es ausprobiert und mit dem Peter’s in Berlin-Mitte nicht nur einen Ort geschaffen, an dem es sowohl spannende flüssige Eigenkreationen gibt, etwa den „Steve No Jobs“, bestehend aus Whiskey infusioniert mit Liebstöckel, Tamarinde, Apfel und Dashi. Sondern auch einen himmelblau bezogenen Billardtisch. „Wir sind gerne eine spielerische Bar“, erklärt der Betreiber. Es werden nicht nur Drinks genippt und Kugeln gestoßen, hier finden auch Fashion-Shows oder Kunstausstellungen statt.
Damit konnte sich die Bar in ihrem ersten Jahr Bekanntschaft verschaffen, Stammgäste aufbauen und sich vom Wettbewerb vor Ort abgrenzen. Dass Gäste gezielt zum Billardspielen kommen, hat laut Kirpitschnikow Vor- und Nachteile, denn der Tisch nimmt, logisch, viel Raum ein. Er schätzt, dass er sonst rund 30 Plätze mehr anbieten könnte. Gleichzeitig ist er ein Alleinstellungsmerkmal und bringt insbesondere unter der Woche, geöffnet ist schon ab 17 Uhr, Frequenz. Überlegt wird nun, ihn zeitweilig einzusetzen und in Stoßzeiten reinen Barbetrieb zu machen – man kennt es von Laptops in Cafés, die wochentags(über) erlaubt sind, nicht aber abends oder am Wochenende.
Arrangements bilden
Auch sein Kollege Dustin Render, der zusammen mit Marius Döring drei Bars in Berlin-Mitte betreibt, hinterfragt, wie viel Umsatz durch Unterhaltung hinein kommt. In seiner Bar „Pawn Dot Com“ fand im Oktober die zweite Ausgabe eines Barquiz-Events statt, ausgerichtet vom digitalen Berliner Stadtmagazin „Mit Vergnügen“ und gesponsert vom Sekthersteller Rotkäppchen. Event eins sei sehr erfolgreich gewesen, weil man auch nach der Quiztime (es ging u.a. um Allgemeinwissen, Berlin-Wissen und Trash-TV-Kenntnisse) Getränke verkaufen konnte. Bei Event zwei kaum.
Was war anders gewesen? Die zweite Ausgabe war ein „Sober Barquiz“ mit alkoholfreiem Sekt – und nach dem Raten gingen die meisten gleich heim. „Grundsätzlich sind Entertainment-Angebote cool und können dir neue Gäste in den Laden bringen“, so Render. Auch der Social-Media-Effekt, besonders wenn man mit einer reichweitenstarken Community wie „Mit Vergnügen“ kooperiert, sei ein Plus. Ein Startgeld bzw. buchbares Arrangement (mit Inklusiv-Drinks) könnte dafür sorgen, dass am Ende auch der Bon stimmt. Und wie dicht dran sich an der Kernkompetenz Cocktail ein Entertainment-Format erschaffen lässt, hat man mit „The Storage“ im Keller der Bar „The Wash“ bewiesen. Für die Show mit effektvoll inszenierten Drinks buchen sich die Gäste einen Slot à 55 Euro. Die Kapazität wurde nun auf vier Personen verdoppelt, sodass nun auch kleine Gruppen in die Experience eintauchen können.
Fazit: Spielerische Formate sorgen für niederschwellige Begegnungen und bringen Menschen in der Gastronomie zusammen, ebenso können sie für Anlässe sorgen, Gruppen in die Bar oder das Restaurant zu bringen. Das galt schon immer – wird aber in Zeiten zunehmender Digitalisierung und gesellschaftlicher Vereinzelung noch wichtiger. Beim Raten, bei sportlicher Aktivität oder bei Brettspielen entstehen soziale wie wirtschaftliche Mehrwerte.
Das funktioniert übrigens auch leise, etwa beim gemeinsamen Bücherlesen wie im neuen One More Chapter in Berlin-Friedrichshain, einem Mix aus Buchhandlung und Restaurant mit panafrikanischer Küche, oder dem ebenfalls neuen Sum in Neukölln, einer Kombination von Weinbar und Buchhandlung, in der sich Literaturfans zum Lesekreis bei Naturwein und Snacks treffen.
