Sorgt für Knast-Kultur: Gastronomin Janina Atmadi, Berlin

Ein Portrait

von Jan-Peter Wulf
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Janina Atmadi wird für das ursprünglich in fizzz veröffentlichte Portrait von Anna Eckold fotografiert. Foto: Redaktion


Ob historische Hofanlagen in Mitte oder ein ehemaliges Gefängnis in Lichterfelde – Janina Atmadi und ihr Partner widmen sich außergewöhnlichen Immobilienprojekten. Mit einem Mix aus Gastronomie, Gewerbe, Handwerk, Events, Kunst und vielem mehr leisten sie einen kulturellen Beitrag für Berlin.

„Wir wollen hier für unsere Gäste viele erste Male entstehen lassen. Neues, Spannendes, Unterbrechungen vom Alltag“, sagt Janina Atmadi. Hier, das ist The Knast, ein ehemaliges Gefängnis im Berliner Stadtteil Lichterfelde. Es ist ein über 100 Jahre altes Gebäude – beeindruckend, nicht nur nach Gefängnis-Maßstäben, das sich in die Villen-Idylle des Viertels verblüffend gut einfügt. Bis 2010 war das Gefängnis in Betrieb, zuletzt als sogenanntes Freigängerhaus. Jetzt ist „The Knast“ ein Kulturort, bestehend aus einem Restaurant im Erdgeschoss, einer Bar im Gewölbe unter dem Dach, der früher als Gebets- und Begegnungsraum fungierte. In den dreigeschossigen Zellentrakt hat sich der gemeinnützige Verein „prideART Berlin e.V.“ eingemietet – Künstler haben sich kleine Ateliers eingerichtet, regelmäßig finden Ausstellungen, Workshops und Events statt.

Bald wird „The Knast“ auch ein Hotel sein: Durch Zusammenlegung von Zellen entstehen neun Zimmer, dazu kommen vier Suiten unter dem Dach, das eigens dafür ausgebaut wurde. „Dieses Haus hat wegen seiner Größe eine gewisse Komplexität“, so Atmadi. Das kann man wohl sagen: 3.000 Quadratmeter verteilen sich über mehrere Flügel, über Gänge und Wendeltreppen, über kleine und große Räume. Es steht unter Denkmalschutz, unterliegt strengen Brandschutzauflagen, erforderte umfassende bauliche Maßnahmen – und die Stadt Berlin verlangt von den Eigentümern, das Gebäude kulturell zu nutzen. Wer nimmt sich so ein Projekt freiwillig auf und empfindet es nicht als – um in der Gefängnissprache zu bleiben – Klotz am Bein?

Große Leidenschaft für Kultur

Janina Atmadi und ihr geschäftlicher wie privater Partner, Dr. Joachim Köhrich, tun es. Kennengelernt haben sie sich 2009 während eines Sprachkurses in Südspanien, Atmadi war zu der Zeit bei einem Bauträger angestellt. „Da habe ich sehr gute Einblicke in die Entwicklung von Gewerbeimmobilien, die Eigentumsverwaltung und das Baurecht bekommen“, erklärt sie. Allein Aufstiegsmöglichkeiten fehlten ihr, so ergriff sie die Chance, in das Unternehmen ihres Partners einzusteigen, der sich schon zuvor auf Immobilien spezialisiert hatte – nicht als Investor, sondern als Bestandshalter und Entwickler mit Leidenschaft für Kultur. Was sich gut am ersten gemeinsamen Projekt (ab 2014) ablesen lässt, den Heckmann-Höfen in der Oranienburger Straße in Mitte. Das schmucke Ensemble aus dem 19. Jahrhundert mit drei Höfen erwarb und entwickelte man Stück für Stück.

Statt Townhouses – die Idee des Vorbesitzers – entstand ein kreatives, buntes kleines Quartier, das nicht nur herein flanierende Touristen verblüfft. Janina verantwortete hier die Vermarktung und Vermietung und konnte eine internationale Mieterschaft aufbauen. Heute sind unter anderem eine kleine Bonbonmacherei, eine Kosmetikmanufaktur, ein Theater, eine Kunstgalerie sowie mehrere Gastronomien Mieter. In der alten Pferdekopfremise serviert die „Night Kitchen“ schon seit 2017 trendige Levante-Küche, das „Garda“ ist ein klassisch-moderner Italiener, „Art City People“ wiederum ein Kreativcafé. Die Mischung der Mieter hat die Höfe zu einem lebendigen Ort werden lassen.

Auch Profis können sich zeitlich verschätzen

Die Gastrofläche direkt an der Oranienburger Straße bespielte man von 2019 bis Ende 2023 selbst. Dabei war ein eigenes Restaurant ursprünglich nicht geplant gewesen, jedenfalls nicht in Mitte. Vielmehr wollte man dies im „The Knast“ in Lichterfelde realisieren, das Gebäude hatte man schon 2017 erworben. Es war damals gar nicht auf dem Markt angeboten worden, sondern eine Zufallsentdeckung. Der mittlerweile verstorbene Voreigentümer Jochen Hahn hatte hier bereits Theateraufführungen stattfinden und Chöre auftreten lassen, es gab sogar Opern mit Sängerinnen und Sängern der Berliner Staatsoper, doch war er so kulturell versiert wie mit der Komplexität des Gebäudes überfordert. Als man mit ihm zusammengebracht wurde und das Haus kennenlernte, war schnell klar – das wird das nächste Projekt.

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„Herz und Kopf müssen bei mir einer Meinung sein. Erfüllt mich eine Idee, eine Vision mit Begeisterung, so bin ich auch überzeugender in meiner Person und meiner Art der Kommunikation.“ Janina Atmadi (hier im ehemaligen theNOname, Foto: Redaktion)

„Wir haben damals gedacht, in anderthalb Jahren starten wir“, erinnert sich Atmadi. Was ziemlich blauäugig aus heutiger Sicht war, fügt sie schmunzelnd hinzu. „Wobei: Die Küche war als erstes fertig. Aber eben nur die Küche, das restliche Haus war lange Zeit eine komplette Baustelle.“ Weil jedoch der Betreiber des „Café Orange“ in der Oranienburger Straße nach 26 Jahren aus Altersgründen nicht mehr verlängern wollte, und weil man für das Gastro-Vorhaben in Lichterfelde bereits ein Team versammelt hatte, entstand in den Heckmann-Höfen kurzerhand theNOname, ein Fine-Dining-Konzept, das sogar mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde.

Harnesses im Sternerestaurant

Den Testern des Reifenherstellers dürfte dabei trotz aller stets betonten Fokussierung auf die Teller-Leistung nicht entgangen sein, dass das Service-Team teils freizügig und mit Harness gekleidet war. Auch das große Wandbild von Anne Bengard, eine in Bondage-Seilen verschnürte Frau, dürfte ihnen aufgefallen sein. Eine Provokation? Nun: Atmadi und ihr Partner sind seit vielen Jahren Teil einer Community, die Freizügigkeit und Hedonismus zelebriert. Beide gehen, wenn es die Zeit zulässt, immer noch gerne feiern, unter anderem in die Clublegende „KitKat“.

Dass ihr Restaurant damals ebenso wie „The Knast“ heute von der Presse mit Begriffen wie „sündig“ und „kinky“ bedacht wurde und wird, evoziert jedoch die falsche Vorstellung, im ehemaligen Gefängnis fänden heute ausschweifende Fetischpartys statt. „The Knast“ ist eben kein Club. „Wir sind hedonistisch im Sinne von genussfreudig. Wir veranstalten Events mit Burlesque, Shibari (japan. Fesselkunst, Anm. d. Red.) oder ein queeres Cabaret. Wer in Fetischklamotten zu uns ins Restaurant oder die Bar kommen möchte – gerne. Aber wer nicht: auch gerne.“ So ist es denn auch: In der bereits 2023 eröffneten Bar sitzen sowohl Gäste mit sexy Lederdress und als auch ganz „normal“ gekleidete Personen, meist Bewohner des gut situierten Stadtteils, die sich freuen, für gute Drinks nicht mehr weit fahren zu müssen. Mit Godwin Eke (zuvor u.a. „Sage Club“, „Gainsbourg“ und „Grill Royal“) wurde im Sommer 2025 ein routinierter neuer Barchef engagiert.

„Ein großer Schritt an den Stadtrand“

Auch das 2024 eröffnete Restaurant will frischen Wind nach Lichterfelde bringen: Die saisonale und international ausgerichtete Küche, à la carte oder als Menü, grenzt sich vom Angebot des örtlichen Wettbewerbs (griechisch, italienisch, gutbürgerlich) ab. Gäste werden geduzt (Atmadi: „Die älteren holen wir mit einem ‘euch‘ oder ‘ihr‘ ab“) und es gilt „adults only“, damit andere Arten von Gesprächen und Dynamiken im Gastraum entstehen können – gerne auch über die Tische hinweg. Mit dem neuen Küchenchef Michael Zscharschuch, der aus dem „4Eck“ in Garmisch-Partenkirchen in die Hauptstadt gewechselt ist, startete im Sommer 2025 ein neues Dinner-Konzept. Und auch Events, die Food und Kultur verbinden, sind Teil des Angebots.

Fehlerfreundlichkeit

„Es war schon bis hierher ein langer Weg und nicht immer einfach“, blickt Atmadi zurück – mit dem „theNOname“ rutschte man mitten in die Pandemie hinein, ohne den großen Rückhalt ihrer Mitarbeitenden hätte man diese Zeit kaum überstanden. „Ich habe meinem Team viel zu verdanken, das mit vielen Ideen in diese Zeit reingegangen ist und durchgehalten hat.“ Sie betont die Wichtigkeit von Weggefährtinnen und -gefährten: Aus dem Angestellten-Dasein ins Unternehmertum zu gehen, das gelang ihr auch dank der Hilfe einer Mentorin, die heute eine gute Freundin ist. Ebenso dank innerer Arbeit. „

Ich musste im Zuge der ersten Termine mit Geschäftspartnern an meinem Status arbeiten. Wie wirke ich in der Öffentlichkeit? Erwecke ich Vertrauen? Strahle ich aus, dass ich führen kann?“ Eine zentrale Erkenntnis sei für sie gewesen, dass sie keine Scheu vor falschen Handlungen oder Entscheidungen haben dürfe. „Fehlerfreundlichkeit“ nennt sie es. „Dadurch habe ich am besten und effektivsten, wenngleich manchmal auch schmerzhaftesten gelernt“, erklärt sie. Aus der sachlichen Immobilienwelt kommend, stieß sie auf ausgeprägte Persönlichkeiten, die sich in der Gastronomie – wir alle wissen es – gerne tummeln. Einige Jahre Erfahrung und Gesprächstechniken, etwa aus dem NLP, erleichtern ihr den Umgang mit Mitarbeitenden. Die Klarheit, die für sich selbst verschaffen kann, bringt sie auch ins Team.

Geht es bald mit neuen Projekten, neuen Kulturorten voran? Atmadi winkt ab: „The Knast“ ist schließlich noch lange nicht fertig. Von den „Tausend Ideen“, die man für diesen Ort hat, sind viele noch offen. Wenn dann noch etwas Zeit bleibt, will sie investieren – nämlich in sich selbst. Sport, Reisen, einfach mal Luft holen. Freigang!

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