
Foto: Redaktion
Crumble-Cafés und Sushi-Bars, Smash-Burger-Stände, Eier-Sandwich-Spots und und und: Die Kreuzberger Graefestraße hat sich binnen einiger Jahre, so richtig los ging es nach Corona, zu einer hippen Gastromeile entwickelt. Mittendrin befindet sich mit Solid jetzt noch ein neues Restaurant. Aber: Es funktioniert ganz anders und ist mehr als „nur“ Gastronomie. Eröffnet Ende 2025, versteht es sich als selbstverwalteter, solidarischer Begegnungsort, der neben Restaurant und Bar auch Nachbarschafts- und Community-Treffpunkt und ein SoLaWi-Pickup-Point ist.
Hinter Solid steht ein Verein, der nicht nur den gastronomischen Betrieb verantwortet, sondern auch sämtliche weiteren Aktivitäten am Standort bündelt. Aktuell trägt eine Kerngruppe von knapp zehn Personen das Projekt, organisiert in flachen Hierarchien. Das Team vereint unterschiedliche Kompetenzen: Zwei Köch*Innen gehören ebenso dazu wie Menschen mit Hintergründen in Stadtplanung, Diversity-Arbeit und Gastronomie-Service. Die Struktur ist bewusst selbstverwaltet angelegt – mit dem Anspruch, unternehmerische Verantwortung, soziale Praxis und kulinarische Qualität zusammenzudenken.
Eine prägende Rolle spielt Robert Shaw, der 17 Jahre lang im Prinzessinnengarten tätig war und das Projekt mitgegründet hat. Der Gemeinschaftsgarten leistete über Jahre hinweg Bildungsarbeit zu landwirtschaftlichen Themen. Doch Shaw beschreibt bei unserem Treffen eine wachsende Unzufriedenheit damit, strukturelle Probleme lediglich zu thematisieren, während sich die Lage vieler landwirtschaftlicher Betriebe real kaum verbessere. Statt weiter über prekäre Bedingungen zu sprechen, wolle er nun stärker ins praktische Handeln kommen.
Dieser Perspektivwechsel spiegelt sich im erweiterten Konzept von Solid wider. Neben dem Restaurantbetrieb plant das Team, selbst landwirtschaftlich aktiv zu werden. Zwischen Rheinsberg und Lindow wurde ein Hof ersteigert, auf dem künftig Gemüse und Kräuter angebaut werden sollen. Die Finanzierung erfolgte maßgeblich über den Erlös aus dem Verkauf eines privaten Hauses; ein Teil floss in den Aufbau des Hofs, der andere in den Erwerb der Fläche in Berlin. Der neu gegründete Verein erhält diese langfristig mietfrei. Ziel ist es, kulinarische und nachhaltige Ansprüche „ohne oder mit möglichst wenig Kompromissen“ umzusetzen, so Shaw – und somit wirtschaftlich unabhängiger als in klassischen Pachtmodellen.
Die Gastronomie inszeniert die Regionalität
Es hätte ja auch ein City-Hofladen werden können – und tatsächlich war die erste Idee, einen Bioladen zu übernehmen. Warum aber der Weg über Gastronomie und nicht über einen Hofladen in der Stadt? Die Antwort ist betriebswirtschaftlich wie strategisch motiviert. Für kleine Produzent*innen sei der Verkauf an den Handel häufig nicht kostendeckend, die Direktvermarktung wiederum organisatorisch aufwendig, erkärt uns Shaw. Eine eigene Gastronomie schafft dagegen planbare Abnahmemengen und ermöglicht es, Produkte in einem kulinarischen Kontext zu präsentieren: „Mit einer guten, qualitativen Küche, in der die Zutaten im Vordergrund stehen, lassen sich Menschen noch einmal ganz anders erreichen.“ Der Restaurantbetrieb wird damit zum Absatzkanal, zur Bühne und zum wirtschaftlichen Rückgrat zugleich.
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Das Konzept geht jedoch über Farm-to-Table hinaus. Die Einnahmen aus dem Restaurant – möglichst zu 100 Prozent mit direkt eingekauften Produkten, inklusive Getränken – sollen perspektivisch die Community-Angebote querfinanzieren. Der Lunchbetrieb (derzeit Mittwoch bis Samstag) deckt bereits einen Großteil der laufenden Kosten, die bald aufgebauten rund 30 Außenplätze sollen den Umsatz weiter steigern.
Die wirtschaftlich tragfähige Gastronomie soll dann auch eine nicht-kommerzielle Nutzung der Räume möglich machen, denn Solid versteht sich explizit als Ort, der der Stadt etwas zurückgibt – und nutzbar für Gruppen, Initiativen und Formate ist, die gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Schon jetzt gibt es hier Küfa-Events (Küche für alle), eine Linedance-Gruppe trifft sich hier und für queere Menschen aus der Partyszene findet „Yap“ statt, ein regelmäßiger „sober space“ für den Austausch. Ein Community-Radiostudio, das über dem Gastraum installiert ist (siehe Foto), kann für eigene Sendungen genutzt werden. Zusätzlich entstehen im Keller weitere Räume, die Treffen parallel zum laufenden Gastronomiebetrieb ermöglichen.
Donnerstags organisiert das Solid-Team eigene Veranstaltungen rund um Landwirtschaft und Ernährung, inklusive Essen gegen Spende. Inhaltlich greift Solid dabei auch heikle Themen auf, etwa Ernährungsarmut. In der Auftaktveranstaltung wurde thematisiert, dass steigende Mieten ein zentraler Faktor sind, wenn Menschen sich gute, gesunde Lebensmittel nicht leisten können – ein Faktor, der viel zu wenig in Betracht gezogen wird. Dass es dabei auch unterhaltsam zugehen darf, zeigt ein Format wie das Agroforst-Kneipenquiz.
Solawi-Spot
Darüber hinaus baut das Projekt an einer eigenen, kleinteiligen Wertschöpfungs- und Logistikstruktur. Im Hinterhof wurde ein Raum mit großer Kühlzelle eingerichtet. Produzentinnen können dort Ware lagern; perspektivisch sollen auch andere Restaurants darauf zugreifen können. Gespräche dazu laufen bereits. Denkbar ist mittelfristig sogar eine geförderte „Letzte-Meile“-Logistik. Gleichzeitig dient der Standort als Abholstelle für mehrere Solidarische Landwirtschaften. Auch Produzentinnen-Dinner, bei denen Erzeugerinnen ihre Produkte vorstellen und Gastronom*Innen sie direkt verkosten können, sind geplant.
Kurz: Solid ist ein ganzheitlich gedachtes, inklusives Konzept, das weit über Gastro hinausgeht – und dessen Entwicklung wir verfolgen werden.
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