Winzer unterwegs: die Macht der Geschichten

Eindrücke von der [MODERN:IST] Winzer Tour 2026 in Köln

von Peter Erik Hillenbach
MOD 01 - wein, gastronomie, events Winzer unterwegs: die Macht der Geschichten

Zwei Stockwerke unter einer Verkehrskreuzung: die wineBANK in Köln. Foto: Peter Erik Hillenbach

 

Roadshows sind generell eine gute Gelegenheit, Menschen und Produkte miteinander bekannt zu machen. Erst recht gilt das für Branchen, bei denen der Genuss im Mittelpunkt steht und es etwas zu verkosten gibt. Eine Roadshow mit 25 spannenden Weingütern, die sich ihren Partnern aus Fachhandel und Gastronomie präsentieren, kann also nur ein Win-Win für alle Beteiligten ergeben. So geschehen auf der [MODERN:IST] Winzer Tour 2026, die im Januar in München und im April in Köln gastierte und am 8. Juni noch einmal in der Hamburger Hobenköök im Oberhafen aufschlägt.

Wir waren am 20. April in der Kölner wineBANK dabei, einer spektakulären Gewölbe-Location im Agnesviertel. In diesem Jahr steht das Thema Storytelling im Mittelpunkt der Tour, wahlweise englisch beworben („Try it – Tell it – Sell it“) oder deutsch ausformuliert: „Wein verkaufen heißt Geschichten erzählen“. Darum geht es auch im Kompaktseminar vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung. Zielgruppe sind Weinhändler und Gastronomen. Beide eint das gleiche Problem, ihren Kunden und Gästen den passenden Wein zur passenden Gelegenheit zu empfehlen.

Jenny Weiss, Geschäftsführerin des Veranstalters RebBlut, nennt MOD Wine bei ihrer Vorstellung ein Undergroundprojekt unter den deutschen Winzergruppen, eine freie Gruppe ohne Vereinszwang. Die 25 Mitglieds-Weingüter seien gut für die Zukunft aufgestellt und hätten gemeinsame Strategien entwickelt, den Herausforderungen eines schwieriger werdenden Marktes zu begegnen: „Wir sind nicht politisch, nicht dogmatisch, auch nicht unbedingt jung und auch nicht unbedingt bio“. Die MOD-Winzer seien jedoch in ihren heimischen Regionen verwurzelt, verstünden sich als Hidden Champions und böten großartige Weine – preislich unter VDP-Niveau.

Jenny Weiss, die internationales Weinmanagement und Oenologie in Bordeaux studiert hat, nimmt ein Zitat von Tim Mälzer als Aufhänger: „Man wird sich künftig nicht mehr nur über Qualität definieren, das große Geheimnis wird das Storytelling sein“. Und selbst das müsse immer wieder nachjustiert, die Geschichte neu und weitererzählt werden. Ein Beispiel aus der Gastronomie: Alexander Herrmann in Wirsberg erzählte als einer der Ersten die Story vom Alles-selbst-Machen: Fermentieren, Einkochen, Einlegen – bis diese Idee ein alter Hut wurde und neue Reize geschaffen werden mussten. In Herrmanns Fall das Kochen am offenen Feuer oder Gäste mit in die Natur zu nehmen.

Dem Handel, so Jenny Weiss, fehle oft eine klare Positionierung, ein Problem, das analog vielleicht auch der Buchhandel hat. Das heißt, man bietet dem Kunden „alles“ an, hat aber natürlich nicht „alles“ auf Lager und schon gar nicht den einen Wein, den der Kunde aus seinem jüngsten Urlaub am Gardasee kennt – statt sich auf Schwerpunkte zu konzentrieren. Ein Punkt, den auch die Gastronomie beherzigen und deutlicher auf Nischen und Besonderheiten setzen sollte.

Im Whiskybereich etwa ist es Usus, schon früh Erwartungen für Sonderabfüllungen zu wecken. Ähnliches war beim Wein früher bekannt beim Beaujolais Nouveau. Das Mindeste sei es, und dies gilt für Händler wie für Gastronomen, dass man den jeweils „neuen Wein“ eines Jahrgangs anpreist und in Aktionen oder auf der Speisekarte Kunden und Gästen nahe bringt. Ein bisschen Marketingsprech muss natürlich auch sein, und so jongliert Jenny Weiss denn auch mit Triggerbegriffen von „kulinarisches Know-how propagieren“ bis zur Warnung vor zu viel „Experten-Gatekeeping“.

Vor Letzterem wiederum muss man die Vertreter*innen der Weingüter keineswegs warnen. Experten sind die Winzerinnen und Winzer allemal, aber dass sie ihr Wissen für sich behalten oder die Hemmschwelle hochhalten wollen, davon kann keine Rede sein. Mitteilungsfroh, nahbar und natürlich stolz auf ihre oft genug ungewöhnlichen Weine, so konnte man die Abgesandten aus immerhin zehn deutschen Weinregionen in Köln erleben – und dies in einem wahrhaft passenden Ambiente. Die dortige wineBANK befindet sich nämlich in einem imposanten Gewölbekeller, den man tief unter einem gewöhnlichen Mehrfamilienhaus an einer vierspurigen Straße sicher nicht erwarten würde.

„Der Markt ist in den letzten drei Jahren zusammengebrochen“

Von den aktuellen Gegebenheiten und Trends, Problemen und Herausforderungen der Weinbranche wissen die 25 Weingüter in unterschiedlichen Ausprägungen zu berichten. Neben Andrea Oeffling, der Frau im Weinberg, vertritt Thomas Friedrich, ehemaliger Gründer und Chef der famosen Rotisserie du Sommelier in Essen-Rüttenscheid und als Vertreter des Weinhandel Bürgerheim (Essen) der einzige Händler unter den MOD-Winzern, das Moselweingut Dr. Leimbrock. Friedrich erläutert, wie es, ganz moseltypisch, auf leichte, aber gehaltvolle Weine setzt. „Starke Rotweine gehen runter“, analysiert Friedrich, und schildert das schwere Los von Bordeaux-Investoren, die ein Minus von etwa 20 Prozent erlebt hätten.

„Der Markt ist in den letzten drei Jahren zusammengebrochen.“ Dazu käme die weltweite Überproduktion an Wein, die Friedrich mit fünf bis zehn Prozent beziffert. Zur Irritation nachhaltig orientierter Kunden trage leider auch bei, dass das Bio-Angebot rückläufig sei, weil wegen Pilzbefalls trotzdem gespritzt werden müsse. Piwis seien hier noch keine Lösung: „Der Kunde hat sich noch nicht an deren Geschmacksbild gewöhnt.“ Friedrich mahnt an dieser Stelle die Verantwortung der Staatsweingüter an, die wesentlich mehr für die Forschung und Verbreitung neuer Rebsorten tun könnten.

Laura Forster MG 2309 Fotograf Timo Volz - wein, gastronomie, events Winzer unterwegs: die Macht der Geschichten

Laura Forster. Foto: Timo Volz

Wenn Dr. Leimbrock für frisch-fruchtige, durchaus langlebige Moselrieslinge steht, macht sich Laura Forster vom Weingut Forster an der Nahe Gedanken zu alkoholfreien Alternativen für die Gastronomie. „Wir brauchen eine Sekt-Alternative“, ist sie überzeugt, und launcht in diesem Frühjahr ein neues hochwertiges Getränk, dass sie „Kaarl“ nennt – „Kein Alk, aber richtig lecker“. Es handelt sich jedoch nicht um einen entalkoholisierten Wein, sondern um ein Kombucha-ähnliches Getränk aus fermentiertem Tee. Zielgruppengerecht soll es Online und auf Instagram für die Gastronomie inszeniert werden.

Das Weingut Forster gehört im Übrigen seit 1994 zu den Bio-Pionieren, betreibt regenerativen Weinbau, begegnet dem Klimawandel mit frühen Lesen, speichert Wasser auf dem Gelände und fertigt seinen eigenen Humus. Wo Terroir so viel bedeutet, lässt sich, ganz im Sinne des Geschichtenerzählens, gut zum Abenteuer laden: Vier Abenteuerweine der Forsters aus vier verschiedenen Parzellen zeigen besonders gut, wie Klima und Boden den Wein prägen. Wenn der Kunde im Weingeschäft oder der Gast im Lokal bei Rieslingen wie „Seefahrer“, „Bergsteiger“ oder „Wüstenwanderer“ nicht ins Träumen gerät, wann dann?

Besondere Tropfen, neue Trinkanlässe 

Besondere Tropfen bietet wohl jedes der 25 Weingüter an. So überzeugt Stefan Runkel vom rheinhessischen Weingut Eberle-Runkel mit seinem Chenin Blanc-Winzersekt. Passend zur anstehenden Saison hat er auch ein Portfolio ausdrücklich „Grillwein“ genannter Grillweine mitgebracht – auch diese groß aufs Etikett gedruckte Trinkbestimmung hilft unerfahreneren Kunden oder Gästen rasch bei der Entscheidung. Frank Ackermann vom Weingut Ackermann in der Südpfalz präsentiert einige seiner „rebellischen Bioweine“, darunter seinen vorzüglichen PetNat-Chardonnay-Sekt namens Captain C. Bestens geeignet für die neuen jüngeren Zielgruppen in der Gastronomie ist jedoch auch die alkoholfreie „Affenbrause“, ein neuartiges Bio-Erfrischungsgetränk. Bei diesem Traubensaft-Secco bilden Morio-Muskat- und Rieslingtrauben, die wässrigen Auszüge aus getrockneten Holunderblüten sowie etwas Ingwer und Pfeffer eine ordentlich blubbernde Brause, die einfach Spaß macht.

Bei Kevin Rüdlin vom Weingut Rüdlin aus dem Markgräfler Land muss man nicht lange rätseln, auf welche Rebsorte er setzt: Gutedel natürlich! Der Mann lebt seinen Wein und empfiehlt jedem, der es hören möchte, Gutedel zum Spargel, Ausrufezeichen, und Gutedel zum Käse, zwei Ausrufezeichen. Aber Rüdlin ist auch weinpolitisch unterwegs und spricht den hohen Flächenrückgang in seiner Region an, er nennt 30 Prozent, und was das für den Tourismus im südlichen Baden bedeutet. Rüdlin spricht auch Trumps Zölle an und die hohen Spritpreise und resümiert: „Die einzigen, die nix draufschlagen können, sind wir!“

An dieser Schraube dreht Melanie Glaser vom Weingut Glaser aus Nordheim am Main noch wesentlich deutlicher: „Wir haben mehr Angst vor der deutschen Politik als vor dem Klimawandel“, sagt sie lachend zur Verdeutlichung, warum es in ihrer Gegend weniger gerodete Flächen gibt als in anderen Regionen. Wenn es jedoch brachliegende Flächen gebe, so sei man bei ihnen am Main weniger begeistert von Solarmodulen und Panelen, sondern schicke zum Beispiel spezielle Rinderzüchtungen durchs Gelände. Ums Storytelling ist Melanie Glaser bestimmt nicht verlegen.

Sie spricht Kunden und Gäste ihrer Vinothek zielgruppenbewusst etwa zum Thema Afterwork an und lockt mit Sunshine Reggae zum dynamischen Daydrinking. Bei der Vintage-Linie „Annaschda“ wird der Weißburgunder gar mit Füßen getreten, ansonsten ist extreme Handarbeit angesagt. Sämtliche Mitarbeiter müssen alle Stationen im Weinberg durchlaufen haben. Mellys guter Tipp für die Gastronomie: In der Vinothek der Glasers werden sortenreine Weintraubensäfte im Weinglas ausgeschenkt, um die Safttrinker nicht auszugrenzen. Dazu gibt’s selbstgeräucherten Schinken, eigenen Käse, Brot und Bratwurst aus der Nachbarschaft.

Was passiert mit den Flächen?

Aber warum sind überhaupt Rodungen notwendig? Andreas Birk vom Weingut Schömehl an der Nahe, dessen Liebe neben dem Riesling aromatischen Rebsorten wie dem Auxerrois gilt, erläutert: „Flächen von Nebenerwerbswinzern und Fassweinbauern werden aufgegeben – auch wegen Nachfolgemangel – und müssen dann zwingend gerodet werden, um Schädlingen und Krankheiten vorzubeugen. Es wird sehr auf saubere Rodungen geachtet.“ So wandert bereits die Amerikanische Rebzikade via Baden ein, ein gefährlicher, invasiver Schädling, der die tödliche Rebenkrankheit „Goldgelbe Vergilbung“ überträgt.

Philipp Weinreuter in MUC - wein, gastronomie, events Winzer unterwegs: die Macht der Geschichten

Philipp Weinreuter. Foto: Veranstalter

Auf solche Probleme weiß Philipp Weinreuter vom BioWeingut Weinreuter aus der Heilbronner Gegend Antworten. Seit 2009 baut das Weingut ausschließlich Piwis an. Diese recht neuen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten haben, wie Weinreuter einräumt, rebsortenrein noch wenig Erfolg. „Als Cuvée kommt’s aber gut an“, grinst der Mann und bringt seine „Zukunftsweine“ im LEH unter. Dessen ungeachtet probiere man jedoch unbedingt seinen Souvignier Gris: gelbfleischige Aromatik bei 14,3 Prozent Alkohol – „diese Rebsorte kommt einfach besser bei höherem Alkoholgehalt.“

Auch Württemberg kennt gerodete Flächen, diese werden aber, so Weinreuter, auf seinem Hof für den Gemüseanbau oder die Rinderzucht genutzt. BBQ ist für den Weinbauern kein Fremdwort, er züchtet Angusrinder, Yaks und auch Schafe – die wiederum, anders als die Rinder, unter den 2,80 Meter hohen Solarpanelen grasen können; oder es sind Ackerflächen. Agroforstwirtschaft lautet hier das Stichwort. Und wie geht man sonst mit gerodeten Flächen um? Weinreuter hat einen zehnjährigen Sohn, er will Olivenbäume pflanzen, die Setzlinge stammen aus Italien. Wenn das keine weitreichende Zukunftserzählung ist!

Thomas Werner im Keller - wein, gastronomie, events Winzer unterwegs: die Macht der Geschichten

Thomas Werner. Foto: Unternehmen

Wobei: „Nicht überall ist die Kulturlandschaft in Gefahr“. Sagt zumindest Thomas Werner vom Weingut Arndt F. Werner in Ingelheim. Direkt neben der Kaiserpfalz liegt das Weingut des Bio-Pioniers und Ecovin-Gründungsmitglieds, der Sohn übernimmt gerade das Geschäft von Vater Arndt. Womit hier die Nachfolgeproblematik gelöst wäre, Thomas Werner ist bereits die achte Generation im 1819 gegründeten Gut. Und hat erst einmal neu bestockt. Der junge Winzer zitiert die Chefoenologin in Geisenheim, die sagt, dass es früher 60.000 Hektar Weinanbaufläche in Deutschland gab und heute 100.000 – es könnten durchaus auch wieder 60.000 Hektar werden, ohne dass die Befürchtungen vieler Winzer (und Touristiker) einträten.

Ingelheim gilt als Hochburg des Frühburgunders und die Werners sehen ihren kühlen, unendlich langen 2021er Frühburgunder häufig auf den Weinkarten der Gastronomie. In Kopenhagen, berichtet Werner stolz, zahle man zwölf Euro das Glas für ihren Chardonnay, der bestens zu Fisch und Seafood passe. Für die Gastronomie hat Werner dennoch eigens eine Weißburgunder/Chardonnay-Cuvée mit nach Köln gebracht, nach seiner Ansicht „eher ein typischer Gastronomiewein als ein Grauburgunder“.

Neue Zielgruppen ansprechen

Lena und Sebastian by Weingut Baum MG 9835 kompr - wein, gastronomie, events Winzer unterwegs: die Macht der Geschichten

Sebastian Baum und Lena Göth. Foto: Unternehmen

Im benachbarten Großwinternheim erweist sich Lena Göth ebenfalls als Freundin der Cuvées, besonders für junge Zielgruppen. Sie ist der weibliche Part des „Power Couples“ Lena & Sebastian by Weingut Baum und führt den schwiegerelterlichen Traditionsbetrieb wie ein Start up. Aus dem ehemaligen Abfüllbetrieb wird nach und nach eine emotionale Marke: Sebastian Baum ist der Jungwinzer mit Fingerspitzengefühl, Lena die Künstlerin, die Geschichten und Aromen auf Papier übersetzt – die ausgebildete Erwachsenenpädagogin und systemische Beraterin gestaltet die Etiketten und sonstigen Werbemittel des Weinguts.

Lena Göth ist zugleich die Insta-affine Markenbotschafterin für eine junge Community, die gern leichten, unbeschwerten Weingenuss mit einem grundsätzlichen ökologischen Bewusstsein verbindet. Sie spricht von Lifestyle-Pairing, das heißt, ihre junge Kundschaft tickt ähnlich wie sie selbst. So bindet man treue Zielgruppen an die Marke. Apropos Pairing, Lenas große Leidenschaft ist das Food Pairing, wie bei einigen anderen MOD-Winzern auch. Sensorikschulungen beim Deutschen Weininstitut haben ihr entscheidend weitergeholfen – auch das ein Tipp für Gastronomen. Und auch Lena Göth klagt über die gestiegenen Kosten für Zölle und Logistik, die Inflation und den Mangel an sozialverträglichen Lösungen im Falle einer Betriebsaufgabe etwa wegen fehlender Nachfolge. Ihre wissenschaftliche Abschlussarbeit beschäftigte sich übrigens mit Generationenkonflikten in landwirtschaftlichen Betrieben.

Dass sie sich neben dem Weinmachen nicht gleichzeitig auch mit vielen drängenden Aspekten ihrer Branche beschäftigen würden, kann man modernen Winzern nun wahrlich nicht nachsagen.

Die nächste Station der [MODERN:IST] Winzer Tour 2026 ist Hamburg am 8. Juni. Ort: Hobenköök – Gleishalle im Oberhafen. Anmeldung für Weinhändler und Gastronomen unter www.mod-wine.de

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