Das Berlin Food Network will der Gastro-, Food- und Startupszene der Hauptstadt eine gemeinsame Stimme geben

Ziele: Sichtbarkeit schaffen, Kooperation fördern und die politische Stimme stärken

von Jan-Peter Wulf
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Stellte die Pläne des Berlin Food Network vor: Ben Pommer, Geschäftsführer von Brlo, ist aktueller Vereinsvorsitzender

Berlin hat eine der vielfältigsten Foodszenen Europas – doch bislang mangelt es an internationaler Sichtbarkeit ebenso wie an einer gemeinsamen Interessenvertretung. Das neue Berlin Food Network will diese Lücke schließen. Nun geht es darum, aus der Idee konkrete Projekte und politischen Einfluss zu machen.

Restaurants, Cafés und Bars, Bäckereien und Manufakturen, Produzent:innen, Food-Start-ups, Märkte und Festivals prägen die kulinarische Identität der Hauptstadt – so weit, so bekannt. Als Branche tritt dieses Ökosystem bislang jedoch kaum gemeinsam auf – was in der Vergangenheit auch dazu geführt hat, dass die Sichtbarkeit, insbesondere international, schwach geblieben ist (und Städte wie Hamburg tun derzeit viel dafür, siehe z.B. The Menù, um sich besser zu positionieren). Gleichzeitig war seitens der Politik oft unklar, wer eigentlich Ansprechpartner für diese Branche bzw. diesen Branchenmix ist.

Genau hier setzt das Berlin Food Network an. Der neu gegründete Verein will die lokale Foodbranche stärker vernetzen, ihre Sichtbarkeit erhöhen und ihr gegenüber Politik und Stadtgesellschaft eine gemeinsame Stimme geben. Und zwar ausdrücklich über die klassische Gastronomievertretung hinaus: Zum Netzwerk gehören sollen Akteur*innen entlang der gesamten Food-Wertschöpfungskette.

Vom Austausch zum Verein

Die ersten Gespräche wurden bereits vor zwei Jahren geführt, aus ersten kleineren Runden mit Akteur*innen aus Gastronomie, Foodbranche, Wissenschaft und Politik entstand zunächst ein Netzwerk und schließlich ein Verein. Der Aufbau, so berichten die Vorstandsmitglieder beim Kickoff-Event im Michelberger Hotel, dauerte länger als zunächst geplant: Finanzierung, Fördermittel, Mitgliedschaft und interne Strukturen mussten zunächst geklärt werden. Nun aber soll die operative Arbeit beginnen.

Geplant sind Arbeitsgruppen, physische und digitale Treffen, Veranstaltungen – eine große im kommenden Jahr wurde bereits angekündigt – und weitere Formate. Ein wichtiger Baustein soll außerdem die Erhebung einer besseren Datengrundlage über die Branche werden – wie groß ist sie überhaupt? Hier könnte sich das BFN beispielsweise an der Kreativwirtschaft bzw. den Creative Industries orientieren, die dies bereits vor über 20 Jahren für sich ermittelt und vorangetrieben hat. Das Netzwerk will dazu Informationen aus seinen Mitgliedsunternehmen zusammenführen, um gegenüber Politik und Wirtschaft belastbarer argumentieren zu können.

Berlin als Food-Destination stärken

Ein zweites großes Feld ist das Marketing. Berlin verfügt längst über die Inhalte, die eine starke Food-Destination braucht. Berlin verfügt auch über ein Tourismusbüro, einen jährlichen Award für die Gastronomie der Stadt und einiges mehr – doch immer wieder wird die begrenzte Sichtbarkeit der Aktivitäten bemängelt, ebenso dass es sich um Engagements für Teilbranchen, nicht aber um eine gemeinsame strategische Bearbeitung und Förderung der gesamten Wertschöpfungskette handelt.

Das BFN will deshalb daran arbeiten, Berlin national und international stärker als Foodstandort zu positionieren. Größere Sichtbarkeit soll mehr Besucher*innen anziehen und damit auch wirtschaftlichen Mehrwert für die Unternehmen schaffen. Kleinere Restaurants und Betriebe sind explizit Teil der gemeinsamen Marketingstrategie, klar. Finanziert werden soll das Vorhaben sowohl aus öffentlichen Töpfen – über eine GRW-Förderung (Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur) sollen ab Oktober die ersten drei Jahre gestemmt werden – als auch via Mitgliedschaft. Die Beiträge reichen von 100 Euro jährlich für Einzelunternehmer*innen und Selbstständige bis zu 750 Euro für größere Unternehmen.

Herausforderung: Vielfalt der Interessen abbilden

Damit ist zugleich die zentrale Herausforderung benannt: Will das BFN für die gesamte Berliner Foodbranche sprechen, muss es diese Vielfalt auch tatsächlich abbilden. Und damit ist nicht nur die Angebotsvielfalt gemeint. Start-ups haben andere Fragen, Bedürfnisse und Herausforderungen als Traditionsbetriebe, Produktionsbetriebe andere als Restaurants. Unterschiedliche Perspektiven müssen verhandelt und letztlich gemeinsame Themen und Stoßrichtungen identifiziert werden. Das ist durchaus herausfordernd und anspruchsvoll. Es wird spannend zu beobachten, wie diese diversen Interessen vertreten und gebündelt werden – zumal das Netzwerk, anders als ein Arbeitgeberverband wie der Dehoga oder eine Gewerkschaft. Die Interessen der Unternehmer*innen sind möglicherweise anders als die der abhängig Beschäftigten in der Branche, zudem gibt es unzählige freiberuflich Tätige, von der Aushilfs-Servicekraft bis zu Foodblogger*innen. Ob daraus etwas Einstimmiges werden kann oder es vielleicht sogar gut ist, die Mehrstimmigkeit darzustellen – we will see and hear.

Die Branche – besonders die Gastronomie – hat in der Coronazeit gelernt, sich stärker zu vernetzen. Sie hat es danach, auch weil alle Betriebe so sehr mit sich selbst und ihrem Überleben beschäftigt sind, ein Stück weit leider wieder verlernt. Nun gibt es mit dem Berlin Food Network einen neuen und strukturell noch größeren Anlauf für Gemeinsamkeit. Ob daraus etwas Starkes erwächst, entscheidet die Branche letztlich selbst.

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