
Foto: Marie-Lisette Cropp
Gastfreundschaft lässt sich nicht verordnen und schon gar nicht auf Service-Tricks reduzieren. Sie kommt von Herzen – oder nicht. Sophia Hoffmann spricht in „Mein Tisch ist groß genug“ über ihre Leidenschaft. Und auch über das, was sie abfuckt.
Kürzlich war ich in einem neuen Berliner Restaurant essen. Speisen zum Teilen, kleine Tellergerichte, alles recht hip. Das Essen war gut, doch eines fehlte: Gastfreundschaft. Nicht, dass die Serviceperson, die sich um unseren Tisch kümmerte, unfreundlich gewesen wäre – aber: Die Gastfreundschaft war rein transaktional, was sich an kleinen Details zeigte. Zum Beispiel dann, wenn ein Nein danke auf die Frage, ob es ein weiterer Drink sein darf, mit einem wortlosen Umdrehen beantwortet wurde. Und wir freundlich, aber unzweideutig, zum Zahlen (und Gehen) aufgefordert wurden, als unsere Zeit um war. Das war bei der Buchung freilich kommuniziert worden: Es gibt einen Slot. Aber: Wenn Gäste die Zeit aus den Augen verlieren, ist das nicht ein gutes Zeichen? Wie geht man damit smart um? So standen wir auf einmal da. Satt, aber nicht happy.
Es ist zweifellos kompliziert mit der Gastfreundschaft. Und in Zeiten des krassen Drucks, der auf den Restaurants liegt, wird das sicher nicht einfacher. Ich habe großen Respekt davor, wenn man es schafft, dass es sich für den Gast bei all dem Struggle, den Gastronomie 2026 bedeutet, trotzdem unbeschwert anfühlt. Nur: Wie geht das?
Mit dieser Frage habe ich mich in das Buch Mein Tisch ist groß genug der veganen Köchin, Kochbuchautorin, Gastgeberin und Restaurantbetreiberin Sophia Hoffmann vertieft. „Von den unendlichen Freuden des Gastgebens“ lautet der Untertitel. Das klingt nach großer Herzlichkeit und nicht nach einem weiteren Servicebuch, das verraten will, wie man mit kleinen Tricks mehr Geld aus der Tasche zieht.
Die Autorin schreibt in diesem essayistisch-autobiografischen Buch darüber, wie sie das Gastgeberinsein für sich entdeckt hat: Als „Halb-Erwachsene“, schöner Begriff, nach Wien gezogen, bekocht und bewirtet sie ihren Freundeskreis regelmäßig gegenseitig. Später kocht sie auch für zahlende Personen bei Dinner-Events, arbeitet in verschiedenen Restaurants und Cafés und eröffnet 2022 das eigene Restaurant Happa. Das lässt sie, völlig zurecht, schließlich zu der Entscheidung kommen, sich auch ohne formale Ausbildung Köchin zu nennen.
Sie ist Köchin, aber auch Gastgeberin. Patronne, um es etwas nostalgisch zu formulieren. Wer das Restaurant kennt, weiß wie offen die Küche ist, wie dicht alles beieinander liegt. Hoffmann schreibt über die glücklichen Momente, wenn Gäste laut lachend die Zeit im Restaurant vergessen, über ein Team, „dem es Spaß macht, andere zu bewirten, und diese Freude ist spürbar und überträgt sich“. Das ist neben der Dienstleistung und dem Zweck, Geld zu verdienen – auch darüber schreibt sie –, ein wesentlicher Teil des gastlichen Selbstverständnisses.
Ebenso schreibt Sophia Hoffmann darüber, dass die Branche, in der sie arbeitet, immer noch von Strukturen geprägt ist, die ihrem Verständnis guter Gastronomie und eines guten Miteinanders widersprechen, und wie sie darauf reagiert. Statt des maskulinen Koch-als-Rockstar-Mythos müsse man das Rockstar-Image neu denken, findet sie. „Es gibt ja auch reflektierte, sozial engagierte, nette Rockstars, die keine Arschlöcher sind“, schreibt die ehemalige Musikredakteurin. Dem Gastro-Sexismus setzte sie mit leicht bekleideten „Schnippelboys“ bei eigenen medialen Auftritten eine „spielerische Reverse-Kritik“ entgegen. Und als Alternative zum „überkommerzialisierten Romantikzwang“ tischt ihr Restaurant seit Jahren beim „Anti-Valentinstag-Dinner“ Speisen zum Teilen für die Wahlfamilie auf. Man merkt beim Lesen: Das ist kein Servicekonzept, sondern aus einer Weltanschauung heraus gewachsen.
Freilich sollte jedes Restaurant seine eigene Interpretation der Gastlichkeit finden, diese individuellen Unterschiede machen es ja aus. Nichtsdestoweniger lässt sich für jeden Betrieb aus diesem Buch ein zentraler Gedanke mitnehmen: Man muss es wollen und fühlen, Gastgeber*in zu sein. Host is a feeling. Denn man fühlt auch als Gast, ob es wirklich von Herzen kommt. Ob das hippe Sharing-Restaurant einen dann spüren lässt, dass es völlig in Ordnung ist, wenn man das Dessert teilt, oder ob es ein kurzer freundlicher Blick an der Ausgabe des Quickservice-Systems ist, wo Augenkontakt Seltenheitswert hat – es gibt viele Spielarten.
Wer „Mein Tisch ist groß genug“ liest, erfährt übrigens auch, woher Sophia ihren Vornamen hat bzw. wie ihre Eltern auf diesen kamen. So viel sei verraten: Es hat auch etwas mit Gastfreundschaft zu tun.

Mein Tisch ist groß genug – Von den unendlichen Freuden des Gastgebens
von Sophia Hoffmann hat 144 Seiten, ist erschienen im Leykam Verlag und kostet 23,50 Euro.
