Happy Birthday Einbauküche: 100 Jahre Frankfurter Küche

Wie sie entstand und wie sie bis heute wirkt

von Jan-Peter Wulf
ernst may gesellschaft mayhaus Frankfurter Kueche Fotograf Simon Keckeisen 1 1 - konzepte, food-nomyblog Happy Birthday Einbauküche: 100 Jahre Frankfurter Küche

Links: Originale Frankfurter Küche im mayhaus, Siedlung Römerstadt. Quelle: ernst-may-gesellschaft, Fotograf Simon Keckeisen. Rechts: Raumansicht „Kitchen Culture“, Die Neue Sammlung – The Design Museum, 2024. Foto: Die Neue Sammlung, Gerhardt Kellermann

Die moderne Hausküche – bekannt als Einbauküche (EBK) – feiert ihren 100. Geburtstag. Geboren wurde sie 1926 in Frankfurt, ihre Mutter ist eine Wienerin: Margarete Schütte-Lihotzky. Entwickelt für ein Neubauprojekt, wurde sie zum neuen Standard. Ein Rückblick.   

„Neues Frankfurt“ – was wie der Name für ein aktuelles Projekt zur Stadtentwicklung der Main-Metropole klingt, ist tatsächlich ein Erneuerungsprogramm des Jahres 1925. Der Stadtbaurat Ernst May initiiert es unter Bürgermeister Ludwig Landmann mit dem Ziel, die akute Wohnungsnot – wie die Zeiten sich doch ähneln – zu bekämpfen und Frankfurt zugleich zu einer modernen Großstadt – nach damaliger Vorstellung – weiterzuentwickeln: Arbeiten und Konsumieren im Zentrum, Wohnen am Rande. Inspiriert von den Prinzipien der englischen Gartenstadt entstehen, wie auch anderswo in Deutschland, rund 1.200 Wohnungen in homogenen Siedlungen. Bis heute gelten die auch „May-Siedlungen“ genannten Anlagen zu den bedeutendsten Beispielen der klassischen Moderne und des Funktionalismus.

Eine der ersten Architektinnen Österreichs

Auch die Küche der im Baukastensystem errichteten Häuser (zu dieser Zeit entstand der Begriff „Plattenbau“) sollte standardisiert sein – und auf wenig Fläche ein effizientes Arbeiten der Hausfrau ermöglichen. Ernst May beauftragte damit die Wiener Architektin Margarete Lihotzky (später Schütte-Lihotzky). Sie zählte zu den ersten Frauen überhaupt, die in Österreich Architektur studierten. Ihre Ausbildung erhielt Lihotzky an der k.k. Kunstgewerbeschule, der heutigen Universität für angewandte Kunst Wien, unter anderem bei Oskar Strnad. Der brachte sie 1917 zur Teilnahme an einem Architekturwettbewerb für Arbeiterwohnungen und so auch an das Thema des sozialen Bauens. Sie entwarf Schrebergartenanlagen und Siedlerhäuser und arbeitete mit dem berühmten Adolf Loos zusammen, über den sie schließlich Ernst May kennenlernte. 

Mit Stoppuhr zur Serienreife

Inspiriert von den standardisierten Arbeitsprozess-Beschreibungen des Taylorismus sowie von Speisewagen-Küchen der Reisegastronomie entwarf Lihotzky ihr „Labor einer Hausfrau“, das jetzt seinen 100. Geburtstag feiert. Mit dem Ziel der „Griff- und Schrittersparnis“ sollte die Küche auf kleinstem Raum – in der Grundausführung nur 1,87 mal 3,44 Meter, 6,5 m² – maximale Ausstattung bieten. Bewegungen wurden mit der Stoppuhr gemessen und Elemente wie Aluminium-Schütten, Glas-Schiebetüren und durchlüftete Schränke für die Töpfe eingesetzt. Zur leichteren Reinigung standen die Möbel auf Sockeln und reichten hoch bis zur Decke. Als Oberfläche verwendete Lihotzky Buchenholz mit widerstandsfähigem Anstrich, auf der Arbeitsfläche Linoleum.

Vieles, was wir heute in einer Einbauküche als quasi selbstverständlich erachten, wurde in diesen Jahren von Lihotzky zur Serienreife gebracht – inklusive Warmwasser und elektrischen Anschlüssen – die Römerstadt im Nordwesten Frankfurts etwa war in den späten Zwanziger Jahren die erste vollelektrifizierte Siedlung in Deutschland. Ein belüfteter Vorratsschrank fungierte als Vorläufer des Kühlschranks. 10.000 bis 15.000 Küchen in verschiedenen Varianten wurden allein in den Frankfurter Wohnungen eingebaut. Doch schon bald blickte die progressive Architektin kritisch auf ihr Werk zurück – dazu mehr im Gespräch mit dem Frankfurter Gastronomen Simon Horn.

Warum war Margarete ein Hipster, Simon Horn? 

FCSI SimonHorn Credits SelinaRichter 1 - konzepte, food-nomyblog Happy Birthday Einbauküche: 100 Jahre Frankfurter Küche

Foto: Selina Richter

Der Frankfurter Koch und Gastronom Simon Horn hat sich viel mit der Person Margarete Schütte-Lihotzky und ihrem Werk beschäftigt. Sein Restaurant am Römer hat er sogar Margarete getauft. Frankfurter Neue Küche heißt sein Catering-Unternehmen, das er gemeinsam mit seinem Partner Pana Tsangalis gegründet hat. Es bietet u.a. Küchenpartys, Lunchclubs und Kochkurse an. Wie er zu Margarete kam und warum er glaubt, dass auch Profi-Küchen immer offener werden: Wir trafen ihn zum Gespräch. 

Simon, wie kamst du zu Margarete Schütte-Lihotzky und schließlich zum Restaurant Margarete?

Das Thema Frankfurter Küche fand ich immer schon spannend – wie man auf engem Raum vorankommt. Meine Urlaube verbringe ich in der Regel mit Camping. Dort bewegt man sich ja immer in einfachen, engen Umgebungen. Als wir vor 14 Jahren mit dem Restaurant begannen, lautete unser Arbeitstitel „Frankfurter Küche“ und so stießen wir schnell auf Margarete Schütte-Lihotzky. Wir fanden diese Frau, die sich in einer sehr männerdominierten Welt engagiert und durchgesetzt hat, enorm beeindruckend.

Wie findet Margarete in der „Margarete“ statt?

Es sind Zitate aus der Frankfurter Küche im Gastraum zu lesen, dann die typischen gedeckten Farben aus der Ernst-May- und Lihotzky-Welt, die Vorhänge …

… und eine kleine Küche? 

Wir haben (2025, Anm. d. Red.) die Küche der Margarete geöffnet, jetzt wird im Gastraum zubereitet und angerichtet. Dafür haben wir eine Wand eingerissen und den Kupferkessel, der die Küche zuvor eingefasst hat, geöffnet. Jetzt fällt der erste Blick der Gäste auf die Küche und auf die Eichentheke, auf der angerichtet wird. 

Das kennt man aus dem privaten wie aus dem gastronomischen Bereich: Früher separate Küche und Esszimmer bzw. Gastraum, heute ineinander fließender Küchen- und Essbereich.

Mir fällt kaum ein 1erfolgreiches gastronomisches Konzept ein, in dem nicht eine offene Kochsituation eine wichtige Rolle spielt. Die abgeschottete Küche im Restaurant gibt es nicht mehr, bis auf wenige Ausnahmen. Es geht darum, die Dinge weiterzuentwickeln. Innovation ist meist eine Neusortierung von bereits Bestehendem. Es gibt diese Küche, diesen engen Raum, dann wird er geöffnet. Wir haben auch aus Küche und Service eine gemeinsame Abteilung gemacht, weil wir gelernt haben, die sind immer abwechselnd im Stress. Entweder ist der Service im Stress, wenn die Gäste kommen, dann die Küche, die die Bestellungen zubereitet, dann wieder fragt der Service: Wo bleibt das Essen? Das System haben wir aufgebrochen und die Küche an die Theke geholt. Ein Koch soll auch mal den Wein eingießen und der Service mit der Pinzette die Dekoration auf den Teller legen. Damit ermöglichen wir ein ineinandergreifendes und optimiertes Arbeiten. Und es ist Entertainment für die Gäste. 

Kann denn die Gastronomieküche dennoch etwas von der Frankfurter Küche lernen?

Das kann sie sicherlich, maximale Effizienz ist wichtig. Früher hat man Küchen wie Tanzpaläste gebaut, da ist man vom Saucier zum Entremetier erstmal auf Wanderung gegangen. Heute baut man sie so, dass alle überall schnell rankommen. Das ist etwas, das man sicher aus der Frankfurter Küche ableiten kann. Und Margarete Schütte-Lihotzky wiederum hat sich ihr System unter anderem von den Speisewagen der Mitropa abgeguckt. 

Die Küche, die aufgrund enger Platzverhältnisse so gebaut wurde, wie sie gebaut wurde, wurde zum Ort weiterentwickelt, an dem gelebt wird, an dem sich die Familie trifft. Und es ist ja so, dass Margarete Schütte-Lihotzky bald selbst Zweifel an ihrem Werk bekam. Ihre Frankfurter Küche ist ein Ort, an dem die Hausfrau möglichst effizient die Familie versorgt.

Sie hat schon 1930 vertraglich geregelt, dass sie nie wieder Küchen gestalten muss – aber das Image der Küchenschöpferin ist sie nie wieder losgeworden. „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut!“, sagte sie 1998 in einem Interview – zwei Jahre vor ihrem Tod im hohen Alter von 103 Jahren. 

Ich finde sie immer wieder faszinierend. Die war einfach nicht klein zu kriegen. Sie hat sich gegen die Nazis gestellt, und zwar ganz massiv, und saß lange Zeit im Gefängnis …

… vier Jahre, nachdem sie von der Gestapo verhaftet wurde, weil sie sich im österreichischen Widerstand engagierte …  

… sie hat auch immer wieder ihre Ehe in Frage gestellt und sich schlussendlich von ihrem Mann getrennt, weil die Beziehung nicht mehr gesund für sie war. Sie hatte ein Mindset, als wäre sie heute am Start. Margarete war ein Hipster (lacht).   

Zum Schluss: Wie geht die Reise der gastronomischen Küche weiter?

Ich bin überzeugt, dass es immer mehr vollintegrierte Raumlösungen geben wird. Die sehen wir mittlerweile sogar in der Betriebsverpflegung. Alle sind an einem Tisch, es klappert, da passiert was, es gibt einen Unterhaltungswert. Gastraum und Küche werden immer mehr verschmelzen, bis hin zu Nebenflächen wie dem Lager. Schon jetzt stehen zum Beispiel bei L’Osteria Produkte in Regalen im Gastraum, allerdings eher zur Dekoration. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in eine Echtheit überführt wird, also die Ware, die auch benutzt wird, wirklich im Raum steht. 

Vielen Dank, lieber Simon. 

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Le Corbusier, Charlotte Perriand, André Wogenscky, Atelier Le Corbusier Type 1, Unité d´habitation in Marseille, 1946-1952, FRA Foto: Neues Museum, Annette Kradisch

Frankfurter Küche live
Die Ernst-May-Gesellschaft in Frankfurt engagiert sich seit 2003 für den Erhalt und die Dokumentation des Werks der Gruppe um Ernst May. Ins historische „Musterhaus“ (Im Burgfeld 136) wurde auch eine Küche im Originalzustand eingebaut. 2020 entstand zudem in der Hanauer Landstraße ein großes, nach Bauabschnitten und Wohnlagen geordnetes Küchenlager, in dem auch Küchen restauriert werden. 

Kitchen Culture in München
In der Münchner Pinakothek der Moderne befindet sich seit Ende 2024 die Dauerausstellung Kitchen Culture: Sie spannt den Bogen über ein Jahrhundert Küchengeschichte – von der Frankfurter Küche Margarete Schütte-Lihotzkys bis zur topmodernen Kochinsel der „Neuen Zwanziger“. Zu sehen sind u.a. Le Corbusiers Kücheneinheit in der „Unité d’habitation“ (1946–1952), Arne Jacobsens Familienhausküche (1957) sowie die seriellen DDR-Küchenmodule Eschebach K21 aus den VEB Küchenmöbel Radeberg (1956). Dazu: ironisch-experimentelle Entwürfe wie der „Küchenbaum“ von Stefan Wewerka (1984), ikonische Haushaltsgeräte und Küchenkunst.

 

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