Buchcafés in Berlin: Literatur plus Gastronomie bringt für Frequenz und Umsatz

von Jan-Peter Wulf
METIS Affogato San Sebastiano und Buch - konzepte, gastronomie Buchcafés in Berlin: Literatur plus Gastronomie bringt für Frequenz und Umsatz

Foto: Claudia Scheffler

Die Kombination aus Buchhandel und Gastronomie schafft nicht nur eine besondere Atmosphäre, sondern ist auch strategisch spannend: Mit einem ausgewählten Sortiment, besonderem kulinarischem Angebot und Community-Events grenzen sich diese Hybridkonzepte ab und binden Gäste langfristig. Wir haben One More Chapter, Metis, Frau Polda und Sum besucht.   

Afrika auf der Karte und im Buchregal: One More Chapter (Friedrichshain)

InterKontinental heißt die seit 2018 bestehende und deutschlandweit einzige auf afrikanische Literatur spezialisierte Buchhandlung in der Sonntagstraße 26. Direkt nebenan stand die Fläche eines Ex-Restaurants länger frei – und die Betreiberinnen Stefanie Hirsbrunner, Karla Kutzner und Venice Trommer griffen zu: Die Buchbar One More Chapter eröffnete im Mai 2025 als Ort für „kulinarisches Storytelling“.

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Foto: Redaktion

Afroncino - konzepte, gastronomie Buchcafés in Berlin: Literatur plus Gastronomie bringt für Frequenz und Umsatz

Afroncino im One More Chapter, Foto: Tobias Basel

Küchenchef Sibusiso Mntambo kommt aus Durban, lernte und arbeitete in Südafrikas Spitzenhotellerie und kocht hier „afropolitan food“. Zum Beispiel Afroncini als Variante des süditalienischen Klassikers, gefüllt mit westafrikanischem Jollof-Reis mit Tomaten, Paprika und Zwiebeln. Ebenso das südafrikanische Bunny Chow, ein südafrikanisches Currygericht, serviert in einem ausgehöhlten Brotlaib. Und die „One More Chapter Bowl“ bringt den ganzen Kontinent in die Schüssel: Mit Rooibos gepickelte Rote Bete, Erdnuss-Salsa, Kochbananen, Sumach, Piri-Piri-Chicken, Coleslaw mit Algen und Ingwerdressing. Hibiskusblüten nutzt der Küchenchef, um daraus die westafrikanische Limonade Bissap mit Ingwer und Zimt zu mixen.

Für Stefanie Hirsbrunner, die als gelernte Hotelfachfrau lange im Gastgewerbe tätig war, stellen Handel und Gastronomie im Service keinen großen Unterschied dar: „Ob ich Gäste bediene und oder mit ihnen Literatur aussuche – es ist beides eine Art von Service. Ihnen das richtige Buch für den Urlaub zu empfehlen, erzeugt ebenso ein großes Glücksgefühl, wie wenn sie glücklich aus dem Restaurant gehen.“ Eine Brücke zum benachbarten Laden stellen Buchregale im One More Chapter her, inklusive Kochbuch-Auswahl. Oft bringen Gäste eigene Bücher zum Schmökern mit und viele kommen alleine – zum Solo-Dining.

Weil alle Gäste eine Affinität zu Literatur haben, entsteht schnell Kommunikation: „Es gibt nichts, was einen schneller ins Gespräch bringt als ein Buch“, so Hirsbrunner. Events, bei denen Schreibende aus ihren entstehenden Büchern vortragen, Themenreihen sowie externe Buchclubs, die sich hier treffen, sorgen für zusätzliche Frequenzen und Umsätze. 

Polyglott mit trendigem Kaffee: Metis Books & Café (Prenzlauer Berg)

Auch im Metis Books & Café in der Gleimstraße 21 spielt der gastronomische Teil für die Liquidität eine wichtige Rolle. „Aktuell haben wir ungefähr 85.000 Euro für Bücher vorgestreckt“, erklärt Bruno Di Pietro. Der Mailänder hat das Buchcafé zusammen mit seinem Partner Dario Guijo Hernandez, der aus Valencia stammt, im Sommer 2025 eröffnet. Zur Kapitalbindung für das mehrsprachige Buchsortiment (Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Französisch) kommen kurze Zahlungsziele und eine eher kleine Handelsspanne, so Di Pietro. „In unsere Gastronomie müssen wir weniger investieren und machen hier wichtige Umsätze.“

METIS Buecher und Tresen - konzepte, gastronomie Buchcafés in Berlin: Literatur plus Gastronomie bringt für Frequenz und Umsatz

Fotos: Claudia Scheffler

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Auf der Karte stehen heiße und kalte Kaffeespezialitäten von Klassikern über „signature lattes“ (Genmaicha Matcha, Hojicha, Dirty Chai, Kurkuma) bis zum Bumble Coffee – Kaffee auf Orangensaft gefloatet – sowie Mocktails. Hausgebackene Kuchen à la San Sebastian Cheesecake und kleine Herzhaftigkeiten wie ein Croque Monsieur oder ein Stück Tortilla kommen dazu. Sogar etwas Feinkost – Jahrgangssardinen, Wein, Tee – steht in den Regalen zwischen den Schriftwerken. Die Internationalität der Bücher spiegelt sich auch im Publikum wider. Di Pietro: „Wir sind ein dritter Ort für Menschen von überall aus der Welt.“

Hier finden Lesekreise und Buchclub-Treffen in verschiedenen Sprachen und zu verschiedenen Themen – Kultur, Nahost, Queerness etc. – und beim regelmäßigen Silent Reading lesen die Gäste erst eine Stunde ganz in Ruhe in ihrem Buch, bevor sie dann miteinander ins Gespräch kommen. Und statt Speed-Dating gibt es im Metis Slow-Dating-Abende für Literaturfans, bei denen ebenfalls viel Zeit vorhanden ist, um neue Leute kennenzulernen, dazu wird ein kleines Menü serviert. In einer Zeit, in der Bildschirme oft lauter sind als echte Gespräche, wollen Bruno Di Pietro und Dario Guijo Hernandez analoge Nähe herstellen: „Wenn Menschen zusammen lesen, über Geschichten sprechen oder ihre Lieblingsbücher mitbringen, entsteht etwas Magisches.“

Literarisch-kulinarischer Kiezanker: Frau Polda (Wedding)

Svenja Monert und Alessandro Fino haben im Mai 2025 am Leopoldplatz im Wedding (Maxstraße 10c) das Frau Polda eröffnet. Monert kommt aus dem Verlagswesen und war viele Jahre bei Audible tätig, Fino arbeitete im Service und in der Küche der Lavanderia Vecchia in Neukölln. Ihr Buchbistro bringt das Beste aus beiden Welten zusammen: Deutsche und englischsprachige Literatur von Belletristik bis zum Sachbuch, Kinderbücher sowie ein ausgewähltes Nonbook-Angebot (Geschenke, Souvenirs, Kinderspielzeug) bilden den einen Teil.

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Den anderen: täglich frisch gebackene Focacce – pur, mit wechselnden Tagestoppings und als mit frischen Aufstrichen gefüllte Ripiena-Version, wahlweise mit Pecorino oder Provolone überbacken. Auch Cecina, dünne Fladen aus Kichererbsenmehl, werden angeboten, ebenso Kuchen wie Olivenöl-Zitrone oder glutenfreie Honig-Haselnuss-Schnitten, serviert mit Sprühsahne. Der Kaffee kommt aus der zweigruppigen Casadio Undici und unter dem Namen „Aperipolda“ dürfen die Gäste sich Spritzes mit Aperol, Limoncello oder Campari gönnen – zu moderaten Preisen ab fünf Euro. Auch das kleine Glas Wein ist mit drei Euro erschwinglich und der Espresso mit 1,60 Euro so günstig wie in Italien.

Bewusst wurde das Preisniveau so gesetzt, dass Frau Polda für möglichst viele Menschen und Familien im tendenziell einkommensschwachen Kiez zugänglich ist. Fino hat auch die Initiative „Wir am Leo“ mitgegründet, die sich für die Verbesserung der Situation am Platz, der auch Treffpunkt der Drogenszene ist, einsetzt. Bücher hingegen seien hier – zumal preisgebunden – ein Stück weit ein Luxusgut, erklärt Svenja Monert.

Dank Mischkalkulation geht die Rechnung auf, auch für das Unternehmen: Die Marge beim Buch beträgt rund 35 Prozent, bei Speisen und Getränken ist sie höher. Das Lesen sorgt auch hier für Bindung und Austausch, Leseexemplare liegen aus und beim Buchclub wird ein gemeinsam gelesenes Buch besprochen. „Die Leute haben Lust, Literatur lebendig zu erleben“, berichtet Svenja Monert. Und überhaupt: Bücher schaffen eine sehr schöne Atmosphäre, findet sie – wie im heimischen Wohnzimmer. „Darum haben wir auch Bücher und Sitzgelegenheiten in jedem Raum“, fügt Alessandro Fino hinzu.

Weinbar mit leseaffiner Community: Sum, Neukölln

Die Auswahl an Büchern im Sum, eröffnet im Herbst 2025 in der Weichselstraße 30, ist überschaubar. Nur 20 bis 25 Bücher stehen im Regal und das mit Absicht: Man wolle die Qual der Wahl vermeiden, die Entscheidungsmüdigkeit, erklären Natasha Wilkinson und Keith Brauns und setzen auf eine kleine, rotierende Auswahl. Die Neuseeländerin und der Brite mit deutschen Großeltern lernten sich in London kennen, ließen die Bankenwelt hinter sich und bauten die ehemalige Föllerei selbst zur Weinbar um. Passend dazu wird jedes Buch mit Verkostungsnotizen präsentiert. Ist es leicht und unkompliziert zu lesen oder schwer und mit viel Körper? Ist es lieblich-emotional oder trocken-sachlich? Geerdet oder fantastisch? Punktzahlen und zusätzliche Bemerkungen informieren.

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Fotos: Sum

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Fotos: Sum / Redaktion

Ganz nebenbei baut es eine Brücke zum Hauptgeschäft – Weinen mit Schwerpunkt Naturwein. Sechs werden gezapft, dazu gibt es immer ein knappes Dutzend offener Flaschen und weitere, die flaschenweise bestellt werden können, auch zum Mitnehmen. Auch Cocktails werden im Sum gemixt und teilweise im kultigen Römerglas serviert, etwa der kräftige Corpse Reviver No. 2, kleine Happen aus der Küche sorgen für Stärkung. „Wine, Books, Community“ lautet der Untertitel und die Gemeinschaft ist den beiden Gründern besonders wichtig: Alle Gäste werden persönlich begrüßt. Dafür wurde sogar eine kleine Lücke in der Bar gelassen, um schneller zur Tür gehen zu können. 60 Prozent der Gäste seien ihnen persönlich bekannt und 70 Prozent sind weiblich, schätzen die beiden.

Weder Wein noch Literatur werden hier elitär behandelt, sondern sollen zugänglich sein und Spaß machen. Events wie der monatliche Buchclub, Food-Popups, Quizabende und Partys bringen die Gäste untereinander ins Gespräch. „Für unsere Gäste fühlt es sich ganz normal an, andere Leute anzusprechen“, erklärt Natasha. Und viele Gäste kommen wöchentlich oder sogar öfter vorbei – eben weil „Sum“ nicht nur eine Weinbar ist, sondern mehr als die Summe seiner einzelnen Teile.

Weitere Buchcafés in Berlin

Buchkantine (Moabit): Buchhandlung mit großem Bistro- und Cafébereich
Café im Literaturhaus (Charlottenburg): Klassisch mit Restaurant-Café und Wintergarten
Dussmann – das Kulturkaufhaus (Mitte): Großes Buchhaus mit Café und Restaurant Ursprung
Minoa (Prenzlauer Berg): Moderner Buchshop mit mediterranem Bistro
Shakespeare and Sons / Fine Bagels (Friedrichshain): Englischsprachig mit Café und Bagel-Shop
She Said (Kreuzberg): Queer-feministischer Buchladen mit Café-Coworking-Bereich
Tasso (Friedrichshain): Antiquariat und vegetarisch-veganes Bistro

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