Würstchen, Sandwiches und Apple Pie bis drei Uhr nachts

Ein Seitenblick auf internationales Speisen in Berlin vor 100 Jahren

von Peter Eichhorn
Landesarchiv Baden Wuerttemberg Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 001504 Bild 1 5 94956 1 1 - gastronomie Würstchen, Sandwiches und Apple Pie bis drei Uhr nachts

Das „Haus Vaterland“ anno 1928: Unter der illuminierten Kuppel verbargen sich unter anderem ein Grinzinger Heurigen, eine spanische Bodega und ein türkisches Mokka. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg. Link zum Bild

Zu diesem Text gibt es eine Vorgeschichte: Im Berliner Food-Podcast Teller Stories von radioeins und der Berliner Zeitung, den Tina Hüttl und  Johannes Paetzold moderieren, wurde die These aufgestellt (bzw. der „fun fact“ genannt), dass es vor einem Dreivierteljahrhundert in keiner europäischen Großstadt, also auch in Berlin, irgendeine fremdländische Küche zu essen gab. Was uns spontan stutzig gemacht hat: Wirklich nicht? Auf Instagram erhielten wir dann bereits einige Hinweise, dass es durchaus internationale Küche im Berlin dieser bzw. vor dieser Zeit gab.

Doch wie sah dies konkret aus? Es gibt kaum jemanden, der das besser sagen und beschreiben kann als Peter Eichhorn. Als  Historiker und Kenner der Berliner Gastronomie hat er in vielen Texten die kulinarische Geschichte der Stadt erzählt, und wer einmal einen Vortrag von ihm gehört hat, weiß, dass Peter stets so manche wunderbare Anekdote parat hält. Wie international war Berlins Gastronomie vor 100 Jahren? Das haben wir ihn gefragt, und hier ist seine Antwort.

 

Ach, wie herrlich sind sie doch, die internationalen Speiseoptionen, die Berlin mittlerweile bietet. Spezialitäten, Trends und Genüsse aus aller Welt erreichen die Stadt. Gut, manchmal etwas später als anderswo, aber zuletzt entwickelten sich japanische Speiseoptionen hervorragend weiter, Korea und Peru hatten ihre trendigen Momente und statt früher „zum Chinesen“ zu gehen und absurde Gerichte à la Chop Suey zu bestellen, wählen wir heute bei der Küche aus dem Reich der Mitte zwischen Kanton, Hongkong, Hunan oder Dongbei-Stil und selbst Taiwan ist an der Spree vertreten. Nur ein mongolisches Restaurant in Charlottenburg hat es nicht geschafft, die Gaumen der Hauptstädter zu begeistern. Dennoch stimuliert die Welt den Berliner Gaumen täglich einen Happen mehr.

Doch so neu, wie man denken könnte, ist diese Internationalität nicht: Die Aussage aus dem Podcast, dass Mitte des 20. Jahrhunderts in keiner europäischen Großstadt irgendeine fremdländische Küche zu haben war, trifft nicht zu. Zahlreiche Paris-Besucher kennen womöglich das legendäre Le Procope im Quartier Latin. Jene 1686 eröffnete italienische Gaststätte, die italienische Sorbets und Kaffeespezialitäten in Paris etablierte. Und über die Geschichte algerischer Kantinen und Restaurants in Paris existieren umfangreiche Abhandlungen.

Oder in London: Hier bietet in Mayfair das Restaurant Veeraswamy seit 1926 die indischen Spezialitäten von Punjab bis Goa. Und mit dem „Kettner’s Townhouse“ von 1867 in Soho ist eines der ältesten französischen Restaurants der Themse-Metropole noch erhalten. Die Liste könnte beliebig erweitert werden.

Indessen leuchtet es ein, dass jene historischen Welt- und Kolonialmächte, Frankreich und England, über die Seewege eine reiche Auswahl an Gewürzen, Einflüssen und kulinarischen Impulsen erhielten oder ausbeuteten. Preußen konnte im kolonialen Ringen der Mächte mit der westafrikanischen Kolonie „Groß Friedrichsburg“ im heutigen Ghana, nicht so recht mithalten. Da stellt sich die neugierige Frage: Wann begann es denn auch in Berlin mit exotischen Speisen und fremdländischen Restaurants?

Der Berliner der Kaiserzeit musste sich mit dem Sortiment der Kolonialwarenläden behelfen, wo es eben jene exotischen und weit gereisten Produkte zu erwerben galt. Supermarktgänger, die die Abkürzung „Edeka“ hinterfragen, landen in den Anfängen im Jahr 1898, als sich die E.d.K. gründete, die „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin“.

Ein frühes chinesisches Momentum verzeichnet der Kaiserhof, als es am 17. Oktober 1903 anlässlich des niedergeschlagenen Boxeraufstands ein Festbankett im „Hotel Kaiserhof“ gibt, bei dem chinesische Elemente in die Menüfolge hineinspielen: Kanton-Hammelrücken, Schantunger Gemüse und Salat aus den kaiserlichen Gärten in Peking.

In jener Zeit bleibt unklar, ob die Gerichte und Zutaten tatsächlich international waren oder nur so klingen sollten, wie bei einem Festbankett 1912 im „Weinhaus Rheingold“ in der Bellevuestraße: Brüsseler Poularden, Römischer Salat und Chester Cakes mit Welsh Rarebits.

Bei der Durchsicht von „Kiesslings Berliner Baedeker“ von 1907 finden sich schon einige exotische Weinstuben von Spanien über Italien bis Südafrika. Bei den Restaurants endet die Exotik bei englischem Buffet, Wiener Cafés, vegetarischer und jüdischer Küche. Der Place-to-be jener Tage scheinen die gigantischen und prachtvollen Bierpaläste der neuen, untergärigen bayerischen Marken zu sein. Die obergärige Berliner Weiße hat ausgedient (heute ist sie zum Glück zurück, Anm. d. Red.). In „Griebens Reiseführer“ von 1912 finden wir dann bereits Empfehlungen für vier italienische Restaurants und ein skandinavisches.

Futter für die nicht immer goldenen 1920er-Jahre

Die Zäsur des Ersten Weltkriegs schafft einen Neuanfang und die 1920er-Jahre legen den Grundstein für einen neuen Mythos „Berlin“, wie ihn zuletzt die Serie „Babylon Berlin“ oder die Bohème-Sauvage-Feste aufgriffen.

Diese Epoche ist geprägt von künstlerischer und kreativer Freiheit, aber auch durch Wirtschaftskrisen, Geldentwertung und Arbeitslosigkeit. Doch gerade in dieser Zeit blitzen die ersten wahrhaft kosmopolitischen Augenblicke auf und werden von internationalen Restaurants begleitet. Vorbei ist auch die Zeit der konservativen Reiseführer-Klassiker. Die Attraktivität von Berlin bringt den Slogan „Jeder einmal nach Berlin“ und auch neue Autoren und Freiheiten hervor, die ein alternatives Berlin präsentieren. Großartig ist das Büchlein „Berlin – Was nicht im Baedeker steht“ von Eugen Szatmari aus dem Jahr 1927. Vor der Empfehlung kommt bei Szatmari die Warnung: „Ich weiß sehr gut, dass man in der Welt keine besondere Meinung von der Berliner Küche hat, und ich gebe zu, daß in vielen Berliner Restaurants – leider in sehr vielen – sowohl die Küche, wie auch die Bedienung und Behandlung des Gastes recht viel zu wünschen übrig läßt. Aber trotzdem – ich wage es zu behaupten, daß man auch in Berlin gut essen kann.“

Seine anschließende Auswahl ist sorgfältig kuratiert und bei der Auswahl im Kapitel „Exotische Küchen“ beschränkt sich der Autor zumeist auf wenige Adressen. Sie möchten Russisch speisen? Dann auf zu „Förster“ in die Motzstraße oder zu „Medvjed“ in der Neuen Bayreuther. So sind es zu allen Zeiten Einwanderer, die ihre heimatliche Kultur und Kulinarik mit in eine neue Heimat tragen. Der Hauptmoment, dass internationale Küchen zur deutschen Selbstverständlichkeit werden, sind insbesondere jene Nachkriegsjahre, als Arbeiter aus Italien, Griechenland, der Türkei, Jugoslawien etc. nach Deutschland kamen und Pizza, Gyros oder Cevapcici zum neuen Alltag gehörten.

Das war im toleranten Berlin schon immer so. Seien es die Hugenotten nach dem Edikt von Potsdam oder eben die geflüchteten russischen Zarentreuen nach der Russischen Revolution. 

Doch Szatmari schwärmt weiter von der ungarischen Kost im „Weisz Csarda“. 1930 kommt dann noch der legendäre „Zigeunerkeller“ im Haus Wien am Kurfürstendamm hinzu. Wienerisch gibt’s im „Wiener Burgrestaurant“, italienisch im „Aida“ oder „Venezia“. Spanier haben es für die heimische Küche schwer, wie der Autor eingesteht. Doch französische Küche, Grillrestaurants und Five O’Clock Tea sind bereits selbstverständlich.

Chinesen prägten Berlin bereits seit dem 19. Jahrhundert, wie Dagmar Yu-Dembski in ihrem Buch „Chinesen in Berlin“ anschaulich beschreibt. Chinesische Studierende an der TU legten den Grundstein für die asiatische Prägung der Kantstraße und sie nennt das Jahr 1923 als Datum der Eröffnung des angesehenen Restaurants „Tientsin“ in der Hausnummer 130b, Ecke Leibnizstraße.

Auch Eugen Szatmari wirkt begeistert und schwärmt von „Tschau mein“ mit weißem Hühnerfleisch und feingekochten Nudeln und von „Chon Lo Ly“ aus Schweinefilet und Morcheln. Nur angedeutet wird ein japanisches Restaurant in der Augsburger Straße. Zuletzt empfiehlt er auch koschere Restaurants eindringlich.

Nach der Krise ist vor der Krise

Das Jahr 1929 bedeutet ein tragisches Jahr der Umbrüche in Berlin. Die Weltwirtschaftskrise legt Bauprojekte lahm und stürzt Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut. Ein Restaurantbesuch steht nun nicht an erster Stelle des Alltagsgeschehens. Was bedeutet die Zäsur für die Berliner Gaststätten? 

1931 erscheint das faszinierende Büchlein „Führer durch das lasterhafte Berlin“ von Curt Moreck. Darin macht er neugierig auf laszive Momente, kriminelle Kneipen und lässt die Frolleins vom Lande erröten. Seine internationalen kulinarischen Empfehlungen beginnen ebenfalls russisch und so gibt es weiterhin „Förster“ und „Medvjed“. Des Weiteren gesellt sich der „Neva Grill“ an der Ansbacher Straße hinzu. 

Weiter geht es mit italienischen und ungarischen Empfehlungen und entlang der Kantstraße finden sich mittlerweile noch einige chinesische Restaurants mehr. Für japanische Spezialitäten gilt es, das „Toyokran“ aufzusuchen. Für Haifisch empfiehlt Moreck die Vorbestellung. 

Neu und faszinierend ist das amerikanische Schnellrestaurant „Quick“ an der Joachimsthaler Straße. Würstchen, Sandwiches und Apple Pie bis drei Uhr nachts! Es folgen weitere US-Impulse mit dem „Anglo-American Tearoom“ und dem „Roberts“. Amerika liegt im Trend. Buffalo Bill und Josephine Baker hatten dafür gesorgt. Dazu zählt dann aber auch der mittlerweile allgegenwärtige Kaugummi, der zahlreichen Zeitgenossen ein Dorn im Auge ist.

Kurz vor der Krise hatte 1928 das „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz eröffnet. Für die damalige Zeit womöglich der Inbegriff von Internationalität – oder was man dafür erachtete. Das Haus der Kempinski-Familie wurde eine Ikone, allein durch die illuminierte Kuppel. Darunter verbargen sich unter anderem ein Grinzinger Heurigen, eine spanische Bodega oder ein türkisches Mokka. Kellner in grünen Husarenuniformen servieren ungarisches Gulasch und in der Texas-Bar singen verwegene Cowboy-Gesichter mit gigantischen Hüten „merkwürdige Songs“, wie Moreck erläutert. Sein Fazit: „Das alles gibt es in Haus Vaterland, das eigentlich gar kein Vaterland, sondern ganz international ist. Die Berliner gehen nicht hin. Aber es ist eine Sehenswürdigkeit und darum den Fremden empfohlen. Denn für die ist es ja aufgebaut worden.“

Bald beginnt dann jene tragische Epoche, die das Gegenteil von Toleranz und Frieden einläutet. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs knüpft das nächste Kapitel der internationalen Kulinarik in Berlin an. Heute ist dieses Kapitel köstlicher denn je und dennoch lohnt ab und an ein kurzer Rückblick.

Weiterlesen:

KOMMENTIEREN

* Durch die Verwendung dieses Formulars stimmen Sie der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website zu.