Alexander Slobines The Catch Family, Riga und Berlin

The Catch, Jolie Bistrot, November Brasserie und Co.

von Jan-Peter Wulf
the catch family - konzepte, gastronomie Alexander Slobines The Catch Family, Riga und Berlin

Alle Fotos: The Catch Family

 

Acht Gastronomien und eine schöner als die andere: Mit Ästhetik und viel Geschmack im Raum, auf dem Teller und im Glas haben Alexander Slobine und seine „The Catch Family“ die lettische Hauptstadt Riga und Berlin erobert.

Alexander Slobine kommt aus der Kälte hinein ins „Jolie“, begrüßt uns freundlich – und sieht sofort, dass ein Türelement nicht ganz sauber schließt. Das müsse man zügig beheben, besprechen er und sein Betriebsleiter und Geschäftspartner Vitalijs Judovs kurz. „Ich bin da etwas penibel“, sagt uns Slobine schmunzelnd. Er lege überhaupt viel Wert aufs Detail, erklärt er: „Das ist in unserem Business sehr wichtig.“ Im Deutschen mag man es penibel nennen, im Japanischen gibt es dafür geradezu poetische Begriffe: ikkansei zum Beispiel, das Bestreben nach konstanter Qualität durch immergleiche Handgriffe und Abläufe. Oder tenei – Sorgfalt und Akribie in der Ausführung. 

Erstes japanisches Restaurant des Baltikums

Japan und seine Küchen- und Gastgeber-Philosophie spielt in Slobines Gastro-Unternehmen, das als „The Catch Family“ heute acht Betriebe in Berlin und Riga umfasst, eine zentrale Rolle. Nicht dogmatisch, sondern pragmatisch in ein europäisches Gastronomieverständnis überführt. Mit einem japanischen Restaurant, eröffnet zur Jahrtausendwende, fing alles an, vor allem aber mit einem ziemlichen Zufall. Denn eigentlich hatte Alexander Slobine eine gastronomische Karriere überhaupt nicht geplant.

Geboren in Riga, kam er 1990 als Teenager – da war die heutige lettische Hauptstadt noch sowjetisch – mit seiner Familie nach Köln. Nach dem Abitur wollte er BWL studieren, übernahm aber dann den Deutschlandvertrieb – Europaletten – für ein lettisches Unternehmen, an dem sein Bruder beteiligt war. Dieser wiederum hatte sich in Köln mit dem Besitzer des japanischen Restaurants „Sumo“ angefreundet und die kühne Idee entwickelt, das Konzept nach Riga zu bringen. Und der kleine Bruder Alexander sollte es managen. „Ich war empört!“, erinnert er sich. „Ich war 23, ohne Gastroerfahrung und hatte mich in Deutschland eingelebt.“

Gemacht hat er es trotzdem und wurde 2000 Betriebsleiter des „Sumo“ in Riga, dem ersten japanischen Restaurant des Baltikums. Den Letten schmeckte es und die Nullerjahre waren Zeiten großen Wirtschaftsaufschwungs in der Region. Alexander Slobine wurde Multi-Gastronom mit schließlich 16 Betrieben in Lettland und Estland. 2008 zog eine enorme Wirtschaftskrise durchs Baltikum und Slobine sich als Unternehmer zurück, auch zwischenzeitlich entstandene Geschäftspartnerschaften und Beteiligungen in Restaurants u.a. in Moskau löste er auf, natürlich auch aus politischen Gründen. Der Branche blieb er aber treu und managte die Gastronomie-Einheiten in der Multifunktions-Eventlocation Arēna Rīga mit fast 15.000 Plätzen. 

Neustart in Riga und Berlin

2018 dann der große Neustart: Ganz Riga sprach von einem neuen hippen Fischrestaurant, „The Cod“ (erst kürzlich geschlossen) und Slobine wollte es noch besser machen. „Es war eigentlich nicht der richtige Zeitpunkt, Lettland hatte sich von der Wirtschaftskrise am schlechtesten erholt, aber es hat mich einfach angekurbelt.“ Im von wunderschönen Jugendstilhäusern geprägten Viertel nordwestlich der historischen Altstadt, bis dahin reine Wohngegend, fand er die ideale Location: klein, Souterrain, perfekt für ein Izakaya-Restaurant. Mit Sergej Siporov, heute der kulinarische Kopf der Gruppe, hatte er schon früher zusammengearbeitet, er kreierte als Gastkoch das erste Menü des The Catch. Mit edlen Fischen wie Blauflossen-Thunfisch oder Gelbschwanz-Makrele wusste man zu begeistern. „Die meisten japanischen Restaurants in Riga wie in Berlin arbeiten sehr preisorientiert. Wir haben von Anfang an auf Qualität gesetzt“, so Slobine.

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Bis heute importiert man viele Fische und Meeresfrüchte direkt aus den Regionen Barcelona, Cádiz und Sizilien. Schon ein Jahr nach Riga eröffnete das The Catch auch in Berlin. Warum ausgerechnet die deutsche Hauptstadt? Slobine: „Wir wollten unbedingt nach Westeuropa. Deutschland lag mir wegen der Sprache und der Mentalität nahe und Berlin, weil es ein kosmopolitisches Publikum hat.“  Im Stadtteil Charlottenburg schloss man tatsächlich eine Lücke – Fisch- und Seafood-Restaurants auf diesem Niveau und mit diesem Designkonzept gab es, von Konzepten wie dem „893 Ryōtei“ von The Duc Ngo einmal abgesehen, bislang nicht.

Zeitlose Ästhetik

Design und Ambiente spielen in der „The Catch Family“ eine ebenso wichtige Rolle wie die Food- und Beveragequalität, für Alexander Slobine greifen beide Faktoren ineinander. „Wir sind eine Boutique-Restaurant-Kette in Fine-Casual-Segment“, bringt er es auf den Punkt. Speisen auf hohem Niveau, aber nicht nach den Sternen greifend, sondern zugänglich, zum Teilen, in mittelgroßen Portionen. Präsentiert in einem Interieur, das von den Gästen wegen seiner Schönheit wertgeschätzt wird. Berlin verfüge, auch im gehobenen Segment, über sehr viele schlicht gestaltete Läden, findet er. Pompös oder opulent sind seine heute drei Berliner Restaurants keinesfalls, weder das poppige „The Catch“, die 2022 eröffnete japanische Brasserie November oder das im Frühling 2025 hinzugekommene Jolie Bistrot.

@thefinechina 10/10, no notes 🍽️ #berlin #berlinlebt #berlinfood #whattoeat #joliebistrot ♬ tangled – tomcbumpz

„Man darf nicht überreizen“, erklärt Slobine. Er wolle Orte schaffen, die „mehr oder weniger zeitlos“ sind. Er blickt sich um: So, wie das „Jolie“ jetzt aussieht, könne man es – mit kleinen Detail-Anpassungen – locker 15, 20 Jahre belassen. Das ehemalige „Kollberg 35“ direkt am Kollwitzplatz stand ein Jahr leer, Alexander Slobine ließ es zu einem Weinbar-Bistro umbauen, das mit glänzenden Holzpaneelen und bullaugenartigen Lampen einen charmanten nautischen Touch hat. „Das habe ich mir in der Harry’s Bar in Venedig abgeguckt“, erzählt er.

Den völlig ruinierten, denkmalgeschützten Steinboden schliff man ab und platzierte schicke Vintagestühle und -tische im kleinen Gastraum. Die getupften Bilder an der Wand wie das Gesamtkonzept stammen von David Komare, der mit seinen „Kо́mare Studios“ die meisten von Slobines Interieurs gestaltet hat, auch das mit viel Holz und irdenen Farben warm und wohnzimmerhaft wirkende „November“ gleich ums Eck. Schaut man sich dessen Instagram-Profil an, besser noch natürlich reserviert man sich dort einen Platz, so wird man schnell erkennen, wie synästhetisch der Raum und das Plating sind – selten werden in Berlin Speisen so elegant angerichtet, ohne Pinzettenkunst zu sein, wie in Slobines Gastronomien.

Internationales Team

Die in Spitzenzeiten bis zu 240 Mitglieder der „The Catch Family“ kommen aus der ganzen Welt, aus Lettland, aus der Ukraine – nach dem Kriegsausbruch fanden mehrere Geflüchtete in Berlin neue Jobs – ebenso wie aus Südamerika, Australien oder Neuseeland. Die Dienstsprache ist vorwiegend Englisch, im Service seien jedoch immer mehrere Personen im Einsatz, die gutes Deutsch sprechen, erklärt der Unternehmer. Mit selbst entwickelten Handbüchern und Schulungen wird betriebsübergreifend trainiert und gefördert, auch externe Angebote wie Wein- oder Spirituosenschulungen nimmt man in Anspruch. Bei allen Standards und Systemen in den hintergründigen Prozessen soll jedoch jeder einzelne Betrieb für sich stehen und wahrgenommen werden. „Wir wollen boutique bleiben“, fasst  Slobine zusammen. 

 

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Nach dem jüngsten Kind der Familie, der vietnamesischen Brasserie Madame Mei, sind erst einmal keine weiteren Eröffnungen geplant – der Fokus liegt aktuell auf noch mehr Steigerung der Aufenthalts- und Produktqualität. Auch hierfür kennt das Japanische ein schönes Wort: kaizen, die stetige Verbesserung in vielen kleinen Handgriffen und Schritten. Und derer gibt es in der individuellen Gastronomie, wie sie „The Catch Family“ lebt, mehr als genug.

The Catch Family
2018 The Catch (Riga)  
2019 The Catch (Berlin)
Izakaya mit Sushi, Speisen vom Robatagrill und Cocktails
2020 Snatch (Riga) moderne italienische Küche mit Crudo, Pasta und Drinks
2021 Boo The Burger (Riga) Smash Burger mit Pattys aus lettischem Rind, auch Delivery
2022 November (Berlin) Übernahme eines Traditionscafés, Transformation in eine japanische Brasserie
2024 Mimosa (Riga) All-Day-Breakfast und Brunch
2025 Jolie Bistrot (Berlin) Weinbar und Bistro
2025 Madame Mei (Riga) vietnamesische Brasserie
Mehr Infos: www.thecatchfamily.com



 

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