
Alle Fotos: monochrom
Einmal im Jahr findet in Wien ein Cocktail-Festival der besonderen Art statt. Serviert werden die Drinks nämlich ausschließlich von selbstgebauten Maschinen: Roboexotica lotet bzw. lötet aus, was möglich ist. Und was nicht: Schönes Scheitern gehört dazu.
Spaß am Basteln mit Technik hatte man immer schon in der österreichischen Künstlergruppe Monochrom, die sich in den frühen 1990er-Jahren bildete und seit 1993 auch ein eigenes Magazin publiziert. „Wir haben darin auch Bauanleitungen veröffentlicht“, berichtet Mitgründer Johannes Grenzfurthner, der auch als Filmemacher tätig ist und zuletzt 2024 den Mystery-Komödien-Drama-Horrorfilm „Solvent“ veröffentlicht hat. So wurde zum Beispiel beschrieben, wie sich aus einem Büro-Wasserspender eine Rakete bauen lässt, die bis zu 30 Meter hoch fliegen kann. Oder wie aus einem Kinderplanschbecken ein Isolationstank wird, in dem es sich entspannt floaten lässt.
Von der Schnapsidee zum Festival
Inspiriert von Cocktail-Robotern aus Science-Fiction-Magazinen der Midcentury-Zeit – die etwa als Butler den abendlichen Whisky vorbeibringen – baute Gruppenmitglied Chris Veigl eine Maschine mit sich drehender Glasplatte, auf der ein an einer Abfüllstation mit einem Cocktail befülltes Glas rotierte. In einem Punkschuppen stellte man bald dieses und weitere selbstgebaute Geräte vor, die Gäste bestellten sich reichlich Cocktails (und natürlich Biere am analogen Tresen) – und weil das so gut ankam, wurde aus der sprichwörtlichen Schnapsidee 1999 die Roboexotica, das Festival für Cocktail-Robotik, auf dem schon vor Jahren Dinge gezeigt und getan wurden, die heute als Zukunft gelten, wie an die individuelle Physiologie angepasste Drinks oder Gamification. Als Monochrom 2001 in das neue MuseumsQuartier im Siebten Bezirk einzog, konnte man enorm von der Anbindung an die kulturelle Infrastruktur profitieren, erinnert sich Grenzfurthner – und das Festival wuchs auf mehrere Tausend Besucher an einem Wochenende an, die nicht nur die skurrilen Maschinen bestaunen wollen, sondern eben auch einen Drink von diesen gemixt bekommen wollen.
Steampunk-Mojito
Dafür ist manchmal etwas Warten – künstlerisch gesprochen: Kontemplation – vonnöten. „Einmal hatten wir eine mit Druckluft betriebene Steampunk-Höllenmaschine mit schweren Eisenketten. Wahnsinnig laut, neben der konnte man eigentlich nicht stehen“, so Grenzfurthner lachend.“ Aber eben weil sie so irre aussah, schauten die Festivalbesucher auch eine lange Viertelstunde zu, bis ihr Mojito endlich fertig war. Ein anderes Exemplar kombinierte die Matte eines Tanzspiels mit einem umgebauten Arcade-Game der 1980er-Jahre: Die Spieler ließen mit den Füßen einen Wurm auf dem Bildschirm entstehen, der Items wie Kirschen, Zitronen oder Gläser einsammelt. Je länger das Spiel, je mehr Items, desto größer und komplexer der Drink.


Oder es wurde per Joystick und Überwachungskamera eine zweite Person im Raum angezielt und nicht nur virtuell, sondern auch reell abgeschossen: mit Wodka nämlich, möglichst direkt in den Mund, während Regencape und Brille für etwas Schutz sorgten. Es gab auch mal ein Exemplar, das per EEG-Messgerät Gehirnwellen auslas, um den Strömen entsprechend einen trockenen oder weniger trockenen Martini zu mixen. Es rauchten Roboter über den Abend schachtelweise Zigaretten selbst weg und natürlich ging jede Menge schief: Ein Roboter, der drei Drinks mixt, dann in Flammen aufgeht und zusammenbricht, oder einer, der plötzlich umfällt, sodass sich 60 Liter bester Screwdriver-Cocktail auf den Boden ergießen – alles schon passiert.
Das ist Teil des Programm(ieren)s: „Schöner Scheitern“, nennt es Grenzfurthner. Es gehe schließlich nicht um Perfektion, sondern um Kunst: „Wir sind ja nicht Siemens.“ Cocktailgeräte nach Kaffee-Vollautomat-Manier, wie es sie heute schon daheim gibt, findet er fad. Und den Menschen an der Bar ersetzen will man ebenso wenig: „Wenn unsere Forschung die Bartender arbeitslos macht, dann haben wir was falsch gemacht.“
Einfachere Technik, steigende Ansprüche
Wobei die Weiterentwicklung der Technik das Wesen der selbst gebauten Roboter über die Zeit durchaus verändert hat. „Am Anfang war es hardwaretechnisch enorm schwierig und wir mussten uns Leiterplatten selbst ätzen. Jetzt kaufst du dir im Onlineshop ein Arduino (Hardware-Board mit Software für die Programmierung und Steuerung von Elektronik, Anm. d. Red.) für 20 Euro und steuerst damit die Pumpen an“, erklärt Grenzfurthner. Mit der einfacheren Umsetzung sei die Erwartungshaltung der Gäste gestiegen, hat er beobachtet. Cocktail-Roboter neuer Generation, die geschichtete Drinks präzise übereinander produzieren, könnten so ein echtes Barkonzept bereichern. Oder solche, denen man als Gast etwas erzählen kann und die mittels generativer KI daraus einen Cocktail machen, wie im vergangenen Jahr? Neben Mixen und Servieren sind heute auch Interagieren oder die Fähigkeit, Barfood herstellen zu können, Kategorien des Festivals.
Roboter-Verleih möglich
Und tatsächlich erreichen das „Roboexotica“ längst Anfragen, ob man den einen oder anderen Roboter auch auf Events einsetzen kann. Was man nun mit einer eigenen Übersicht, welche Geräte zur Verfügung stehen, bedienen will – auch, um dem Festival und seinen Künstlern eine zusätzliche Finanzierung zu generieren. Lebensmittelechte Schläuche und Behälter werden eh verwendet, doch darf man nie vergessen: Es sind Prototypen, Unikate, bei denen Unvorhergesehenes passieren kann. Was durchaus seinen Charme hat.
Die nächste Ausgabe findet vom 10. bis 13. Dezember in der Kunsttankstelle im Wiener Bezirk Ottakring statt. Mehr Informationen: www.roboexotica.at
