Caroline von Kretschmann: „Wir dürfen uns in keinen Preiskampf hinein bewegen“

von Antje Urban
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Fotos: Antje Urban

Seit 2013 führt Dr. Caroline von Kretschmann in vierter Generation das traditionsreiche Privathotel „Der Europäische Hof“ in Heidelberg. In den letzten Monaten hat sie sich medial für die Branche stark gemacht.

Es ist eines der führenden Grandhotels des Landes und eines der wenigen 5-Sterne-Superior-Stadthotels: Der Europäische Hof Heidelberg blickt auf eine lange Geschichte zurück. 1865 gegründet, übernahmen 1906 die Urgroßeltern von Dr. Caroline von Kretschmann das Hotel. Seit 2013 leitet die 53-Jährige das Haus gemeinsam mit Ihren Eltern und mit insgesamt 150 Mitarbeitern. „Wir lieben, was wir tun” ist das Credo des Hauses. Im letzten Jahr bekam Caroline von Kretschmann die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg für herausragende Verdienste um die Wirtschaft verliehen.

Obwohl der Europäische Hof Heidelberg schon durch einige Krisen gegangen ist, bezeichnet von Kretschmann die derzeitige als „großes ökonomisches Desaster“ – ein Zustand, der für die gesamte Branche gilt. Mit ihrer Kritik am politischen Handeln während der Pandemie konnte sie sich erfolgreich Gehör verschaffen.

Antje Urban sprach mit ihr über den Neustart der Branche, über sinnstiftende Unternehmenskultur und den jetzt nochmals verschärften Mangel an Fachkräften in der Hotellerie und Gastronomie.

Frau von Kretschmann, die Inzidenz in Heidelberg ist jetzt konstant auf niedrigem Niveau, sodass Sie den Hotelbetrieb seit wenigen Wochen wieder hochfahren können. Sind die Anstrengungen des Neustarts jetzt groß?

Ja, wir waren die letzten sieben Monate nur im Notbetrieb geöffnet und nie waren mehr als sieben oder acht der insgesamt 122 Zimmer belegt. Jetzt sind die Restaurants wieder voll und auch die Zimmerauslastung steigt an. Das bedeutet für uns, dass wir fast alle Kollegen wieder aus der Kurzarbeit in den Betrieb holen. Dies nicht, ohne sie vorher zu schulen und vorzubereiten. Auch bieten wir zum Beispiel wieder eine große Speisekarte an. Damit verbunden ist ein erhöhter Wareneinkauf und eine umfangreiche Logistik. Das alles unter der Unsicherheit von möglichen erneuten Betriebsschließungen wegen wieder steigender Inzidenzen.

Insgesamt haben wir es als Hotel, das zumindest teilweise geöffnet war, etwas leichter als viele Restaurants. Diese waren ja vollständig geschlossen. Einige Gastronomen haben mir gesagt, dass sie erstmal nicht öffnen werden. Die Unsicherheit sei zu groß, der Wareneinkauf problematisch, die Fachkräfte müssten erst wieder rekrutiert werden und das Hochfahren ist daher viel aufwendiger.

Worauf kommt es Ihrer Meinung nach in dieser Phase an?

Ich glaube, dass es einen enormen Nachholbedarf bei den Menschen gibt und die Nachfrage vielfach sehr gut sein wird. Dennoch ist es entscheidend, dass wir unserer Verantwortung jetzt nachkommen und unter strikter Einhaltung der behördlichen Vorgaben und der bewährten Hygienekonzepte öffnen. Hygiene und Sicherheit sind nun noch wichtiger und entscheiden mit darüber, ob sich die Gäste wohl und sicher fühlen. Ich bekomme zum Beispiel Anfragen, ob wir auch unsere Luftreinigungsgeräte noch in Betrieb hätten. Die Menschen sind zurecht sensibilisiert. Wir Unternehmer dürfen jetzt nicht nachlässig sein, was die Einhaltung der Regeln betrifft. Impf- und Genesenen-Nachweise oder Test müssen konsequent geprüft, Abstände eingehalten und Hygienekonzepte umgesetzt werden. Primäre Aufgabe der Regierung ist es meiner Ansicht nach, das Impfen weiter voranzutreiben. Impfen ist einfach der beste Schutz.

Viele Hoteliers und Gastronomen haben die Zeit genutzt, um sich auch nachhaltiger für die Zukunft aufzustellen. Sie haben sich das Green Sign Siegel von InfraCert – einem Institut für Nachhaltige Entwicklung in der Hotellerie, erarbeitet. Glauben Sie, dass Ihre Gäste darauf Wert legen?

Absolut. Hier hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Aber wir hier im Europäischen Hof Heidelberg richten uns nicht nur wegen der Gäste neu aus. Wir sind von einem nachhaltigen Handeln zutiefst überzeugt. Das Siegel GreenSign ist in diesem Zusammenhang ganzheitlich. Ökologische, ökonomische aber auch soziale und gesellschaftliche Aspekte spielen im Rahmen der Zertifizierung eine Rolle. Positiv wurde hier zum Beispiel unsere Unternehmens- und Führungsphilosophie bewertet. Nicht umsonst sind wir auch Gründungsmitglied der Vereinigung Fair Job Hotels.

Wir nehmen das Thema Nachhaltigkeit, gerade in dieser ganzheitlichen Form, sehr ernst und nennen es gerne „Enkelfähigkeit“. Und wir finden, jeder muss seinen Teil hierzu beitragen. Ich bin überzeugt, dass nachhaltiges Wirtschaften für die Gäste als Kaufentscheidung immer wichtiger wird. Überhaupt glaube ich, dass Unternehmen nach Corona kritischer befragt werden hinsichtlich ihres Beitrags für die Gesellschaft – unabhängig vom rein Ökonomischen geht es um die Frage: Wie wollen wir leben? 

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Klassisches Ambiente, moderne Arbeitsmethoden: Der Europäische Hof in Heidelberg gilt als besonders fortschrittliches Unternehmen.

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Sie haben die Fair Job Hotels erwähnt. Hier handelt es sich um einen Verein, der es  sich zum Ziel gesetzt hat, mit anderen Hotels gemeinsame, verbindliche Werte und Standards für den Umgang in der Hotellerie zu setzen. Was glauben Sie, könnten sich Gastronom*innen und Köch*innen von Fair Job Hotels abschauen?

Die Hotellerie und Gastronomie hat vielfach immer noch ein schlechtes Image. Und das in Teilen zu Unrecht. Ein Anknüpfungspunkt war daher, den Fokus auch und verstärkt auf das richten, was gut ist. Natürlich müssen die Mitarbeiter angemessenen und fair entlohnt, geschult und gefördert werden und Arbeitsplätze und das Arbeitsumfeld müssen attraktiv sein. Die Fair Job Hotels verpflichten sich aber auch, mitarbeiterfreundliche Werte und eine kooperative Führung zu leben. Fair Job ist aber kein Zertifizierungsinstitut. Wir wollen vielmehr erreichen, dass die vielen Hotels, die fair mit ihren Kolleginnen und Kollegen umgehen, in die Aufmerksamkeit rücken. Und sich so eine positive Bewegung, ein positiver Schwarm entwickelt.

War die Gründung der Initiative nicht auch ein wenig der Not an Fachkräften geschuldet?

Auch natürlich. Und der Fachkräftemangel wird sich nach Corona nochmals verschärfen. Insbesondere die Mini-Jobber und Studenten in der Gastronomie sind ja vollkommen durchs Raster gefallen. Die waren nicht in den Überbrückungshilfen mit drin. Viele von denen sind jetzt aus der Branche abgewandert. Die werden auf Dauer bestimmt nicht alle zurückkommen. Da gibt es aber auch die Festangestellten, die gegangen sind. Entweder in andere Länder oder ganz aus der Branche raus.

Spüren Sie das auch?

Erfreulicherweise nicht. Das liegt aber auch daran, dass wir ja sehr viel dafür tun. Wir sind hier eine erweiterte große Familie. Aber mich erreichen verzweifelte Anrufe von Kollegen, die keine Mitarbeiter für den Neustart haben. Die Not ist enorm. Und auf Dauer wird es vielen Restaurants noch mehr so gehen, weil die eben mehr mit Aushilfen gearbeitet haben. Das war jetzt auch der Anhaltspunkt von Fair Job Hotels. Wie kriegen wir mehr Fachkräfte? Wir haben da verschiedene Säulen aufgebaut, dazu gehört auch das internationale Recruiting. Der Austausch von Fortbildungsmöglichkeiten unter den Häusern als auch der Austausch von Kollegen und Kolleginnen. Das ist in der Gastronomie so wahrscheinlich schwerer umsetzbar. Aber wir Gastronomen müssen definitiv noch mehr für unser Image tun.

Ihre Führungsphilosophie ist Ihnen ja sehr wichtig. Hat sich im Zuge der Krise da etwas geändert?

Nein, ich würde eher sagen, dass unsere Philosophie uns durch die Krise getragen hat. Wir haben uns gegenseitig gestützt und ich habe unglaubliche Rückmeldung von unseren Kolleginnen und Kollegen erhalten. Es hat uns bestärkt in dem Weg, den wir gehen. Das Sicherheitsgefühl, dass wir vermittelt haben, war enorm wichtig. Gleich beim ersten Lockdown habe ich gesagt, dass niemandem gekündigt wird. Niemand brauchte sich diesbezüglich Sorgen machen.

Wir haben ja zum Beispiel auch 35 Auszubildende, die wir immer im Betrieb hatten. Denen haben wir im ersten Lockdown sogar 50 Prozent mehr Gehalt gegeben, weil sie unsere Fachkräfte in Kurzarbeit ersetzt haben. Und das in der schwierigsten Zeit ohne Umsätze, aber diese Wertschätzung war uns wichtig. Im zweiten Lockdown wollten wir die Ausbildung wieder intensivieren und haben Fachkräfte reingeholt, ohne Gäste im Haus zu haben, um die Auszubildenden dennoch auszubilden. In vielen anderen Hotels konnte die Ausbildung nicht mehr stattfinden. Wir hätten diese jungen Menschen nicht in Kurzarbeit schicken können, dann hätten sie noch weniger als die eh schon minimale Ausbildungsvergütung bekommen.

Zum Thema faire Bezahlung – angesichts der aktuellen Lage werden Sie sicher die nächsten Jahre den Mitarbeitern keine Gehaltssteigerungen in Aussicht stellen können. Wie werden Sie sie trotzdem motiviert halten?

Wir haben ja sowieso das Problem, dass viele in unserer Branche keine hohen Gehälter zahlen können. Wir speziell in unserem Haus können auch nicht in einen Gehaltswettbewerb wie andere 5-Sterne-Häuser treten, hinter denen kapitalstarke Investoren stehen. Deswegen legen wir den Fokus bei uns auch nicht rein auf das Gehalt. Ich bin sowieso zutiefst davon überzeugt: Wer wegen des Geldes kommt, der geht auch wegen des Geldes. Sie müssen etwas anderes bieten, damit Menschen bei ihnen zur Entfaltung kommen.

Das heißt: Sie müssen Rahmenbedingungen schaffen, in denen Menschen sich entfalten können. Da geht es ganz viel um Wertschätzung, Verantwortung und das Gefühl geben, etwas Sinnvolles zu tun. Ich glaube, dass wir viel mehr erreichen, wenn wir diese Rahmenbedingungen schaffen. Natürlich müssen wir ausreichend Geld zahlen, das ist auch klar. Aber das ist nicht der Motivator.

Was glauben Sie, haben sich die sogenannten Pain Points in der Branche noch verschlechtert durch die Krise?

Ich glaube, ein Pain Point wird der Fachkräfte- bzw. Personalmangel sein. Für ein paar Betriebe werden es zudem die ökonomischen Lasten sein. Wie zahle ich die Kredite ab, die ich aufnehmen musste? Wie schaffe ich es auch, mit dem Innovationsstau umzugehen, der sich in 14 Monaten angesammelt hat?

Die großen Häuser konnten die Zeit nutzen, um ihre Häuser noch schöner zu machen. Aber da gibt es die vielen kleinen Betriebe, die nichts machen konnten, sondern nur versucht haben, zu überleben. Da wird sich die Frage stellen, wie können wir bestehen bleiben in einer noch stärkeren Konkurrenz, in einem noch konsolidierteren Markt? Die vielen Kleinen werden wahrscheinlich schneller vom Markt verschwinden. Einige großen Player hingegen konnten in dieser Zeit sogar auf Einkaufstour gehen und sich relativ günstig neue Betrieb einverleiben. Zugleich glaube ich, dass es jetzt erstmal einen Boost gibt, weil die Menschen sich danach sehnen, wieder zu reisen und essen zu gehen. Bis allerdings die internationalen Gäste kommen, wie bei uns normalerweise die Araber, die Chinesen oder die Amerikaner, das wird noch dauern.

Werden Sie Ihre Zimmerpreise jetzt senken, um das Hotel voll zu bekommen?

Nein, tendenziell eher anheben. Das ist übrigens auch eine große Herausforderung. Ich hoffe, dass die Branche verstanden hat, dass wir angemessene Preise brauchen, um zu überleben. Das sieht man am besten am Beispiel der Gastronomie. Viele Gastronomen haben in der Vergangenheit doch eigentlich nur von der Hand in den Mund gelebt, teilweise mit einer totalen Selbstausbeutung der Eigentümer. Da konnten keine Rücklagen gebildet werden. Das liegt auch daran, dass viele leider zu günstig verkaufen. Wir haben in Deutschland immer noch die geringsten Preise für Übernachtungen und auch für Speisen und Getränke in Restaurants.

Da muss sich einfach was ändern. Keiner sollte jetzt mit den Preisen runtergehen, um das Haus voll zu kriegen – auch um angemessene Gehälter zahlen zu können. Wir verkaufen doch Produkte, für die wir stehen. Wir dürfen uns in keinen Preiskampf hinein bewegen.

Sie haben viel Zeit darin investiert, sich öffentlich für die Branche einzusetzen und auf Probleme aufmerksam zu machen. Werden Sie das weiter verfolgen?

Das war ziemlich kräftezehrend und zeitaufwendig. Es hat ein bisschen Überhand genommen. Aber je länger die Pandemie dauerte, umso mehr hatte ich auch zu sagen. Ich habe versucht, einfach zu vermitteln, wie die Situation ist. Manch einer hat sich gewundert, dass ich so offen unsere Probleme anspreche. Aber ich finde das wichtig. Das macht uns authentisch. Wir haben nie gejammert, sondern auf Missstände aufmerksam gemacht. Ich bringe mich auch weiter ein. Zum Beispiel habe ich jetzt eine Petition vom DGB unterschrieben. Da geht es darum, dass die Kurzarbeit jetzt steuerlich Nachteile bei der Veranlagung bringt. Das kann bedeuten, dass viele dann nochmals hohe steuerliche Nachzahlungen haben. Außerdem ist meine Forderung, dass man die ausgesetzte Insolvenzantragspflicht verlängert. Wir sind noch nicht durch die Pandemie. Ich glaube, das Insolvenzrisiko ist noch immer hoch.

Wir drücken die Daumen, dass sich die Lage in der Branche und für Sie bald wieder erholt und bedanken uns ganz herzlich für das Interview.

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